Filmtipp #190: Wild Side

Wild Side 

Originaltitel: Wild Side; Regie: Sébastien Lifshitz; Drehbuch: Stéphane Bouquet, Sébastien Lifshitz; Kamera: Agnès Godard; Musik: Jocelyn Pook; Darsteller: Stéphanie Michelini, Yasmin Belmadi, Edouard Nikitine, Josiane Stoléru, Corentin Carinos. Frankreich/Belgien/GB 2004.

wild side

Sébastien Lifshitz’ »Presque rien« (2000) gilt als einer der besten Spielfilme mit schwuler Thematik überhaupt; ein formal wie inhaltlich ausgereiftes Meisterwerk voller Poesie und Düsternis. Für sein Nachfolgewerk »Wild Side« tat sich Lifshitz mit der vielfach preisgekrönten Kamerafrau Agnès Godard, die schon mit Größen wie Claire Denis, André Téchiné und Agnès Varda kollaboriert hatte, zusammen. Gemeinsam schufen sie einen visuell regelrecht pulsierenden Bilderbogen, ein filmisches Gedicht über die oft schmerzvolle Suche nach Geborgenheit. Jede der drei Hauptfiguren ist auf ihre Weise heimatlos und entwurzelt und sehnt sich nach einer haltenden, schützenden Hand oder einer wärmenden Schulter in einer kalten, lauten Welt.
     Die Transsexuelle Stéphanie (Stéphanie Michelini, One Deep Breath) geht anschaffen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Ihr Leben ist freudlos, vieles ist ihr gleichgültig geworden, Paris ist für sie Freiheit und Versklavung zugleich. Sie liebt zwei Männer: Djamel (Belmadi), einen jungen ägyptischen Gelegenheitsstricher auf der Suche nach Anerkennung, und Mikhail (Nikitine), einen ehemaligen Soldaten, den der Krieg traumatisiert zurückgelassen hat. Ein Anruf durchbricht das Einerlei ihres Alltags: Stéphanies Mutter (Stoléru) ist sterbenskrank und braucht Hilfe. Zusammen mit ihren Liebhabern reist Stéphanie zurück in ihre Vergangenheit. Hier, in der kargen, rauen Landschaft Nordfrankreichs, wo sie als Pierre aufwuchs, wo sie einst ihren Vater und ihre Schwester verlor und wo schließlich das Band zwischen ihr und ihrer Mutter riss, versucht sie, ihre Kindheit wieder liebend ins Herz zu schließen und mit sich eins zu werden. Für die Dreiecksbeziehung wird diese Reise zu einer harten Belastungsprobe…

Alles an »Wild Side« ist schön, von den zärtlichen, warmen Bildern über die exquisite Musik und die weichen Schnitte bis hin zu den verhaltenen, aber immer überzeugenden Schauspielerleistungen. Der Film erinnert in seiner Machart an die besten Werke Kieslowskis und gewann verdientermaßen mehr als ein halbes Dutzend Festivalpreise, unter anderem auch den Teddy als Bester Spielfilm bei der Berlinale. Stéphanie Michelini wurde für ihr subtil-intensives Spiel mit dem Prix Michel Simon ausgezeichnet. Die Zusammenarbeit mit ihr an One Deep Breath vergangenen Herbst habe ich als großes Privileg empfunden.

André Schneider

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