Filmtipp #241: Liebe hat zwei Gesichter

Liebe hat zwei Gesichter

Originaltitel: The Mirror Has Two Faces; Regie: Barbra Streisand; Drehbuch: Richard LaGravenese; Kamera: Dante Spinotti, Andrzej Bartkowiak; Musik: Marvin Hamlish, Barbra Streisand; Darsteller: Barbra Streisand, Jeff Bridges, Lauren Bacall, Pierce Brosnan, Mimi Rogers. USA 1996.

The Mirror Has Two Faces

Wäre Barbra Streisand nicht so reich, würde man ihr ohne ein Wimpernzucken eine fette Geisteskrankheit attestieren. So aber, als Multimillionärin, wird sie schlimmstenfalls im Neurosen-Ordner abgeheftet. Wie Woody Allen, nur ohne das Kinderficken. Zwischen all den Neurosen, der Hysterie und dem Größenwahn thront trotzig eine unbestreitbare Begabung zur Perfektion auf allen Ebenen: Schauspielerin, Sängerin, Entertainerin. Die Streisand hat ihr Können am Broadway und in Hollywood unter Beweis gestellt, unzählige Platten besungen — ihre Stimme ist beinahe opernreif! — und gibt immer mal wieder ein umjubeltes Konzert, wobei die Tickets selten weniger als 1.000 Euro kosten. Als es für sie aufgrund ihrer Allüren immer schwieriger wurde, Engagements zu finden — die Reputation, »schwierig« zu sein, ist selbst für eine Oscarpreisträgerin der Todesstoß —, wurde sie Anfang der 1980er ihre eigene Produzentin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Komponistin. Ihre Regiearbeiten waren intensiv, Aufsehen erregend, preisgekrönt und von einer beinahe ermüdenden Perfektion.
Mitte der Neunziger wagte sich Streisand an ein Remake des französischen Klassikers »Le miroir a deux faces« (Regie: André Cayatte), nach den dramatischen Höhenflügen von »Yentl« (1983) und »The Prince of Tides« (1991) ihre erste romantische Komödie — und zugleich ihre bis heute letzte Arbeit als Regisseurin. Sie wollte, wie sie im Interview verriet, einen Film drehen, »in dem die Leute am Ende auf der Straße tanzen«. Und ja, auch wenn man Barbra Streisand aus guten Gründen nicht sonderlich mag, muss man zugeben, dass »The Mirror Has Two Faces« ein ausgesprochen warmer, wohltuender, leichter, besinnlicher, rundum schöner Streifen geworden ist, ein ganz besonderer Leckerbissen — gerade zur Weihnachtszeit.

Streisand spielt quasi sich selbst: eine New Yorker Jüdin, gebildet und humorvoll. Als Literatur-Professorin Rose Morgan wird sie von den Männern in ihrer Umgebung zwar geschätzt, aber mangels erotischer Ausstrahlung nicht sonderlich begehrt. Während ihre hübsche Schwster Claire (Rogers) bereits ihre –zigste Ehe eingeht (mit Bond-Darsteller Brosnan), teilt Rose sich das Apartment mit ihrer schnippischen Mutter Hannah (Lauren Bacall erhielt für ihr Spiel verdientermaßen eine Oscarnominierung), luncht mit ihrer beleibten besten Freundin Doris (Brenda Vaccaro) und lebt ansonsten hauptsächlich für ihre Arbeit.
Der Mathematik-Professor Gregory Larkin (Bridges) hingegen ist etwas vertrottelt, aber ungemein sexy. Sein Liebesleben ist das reine Chaos; fast immer lässt er sich auf heiße, aber letztlich doch kurzlebige Affären mit jungen Studentinnen ein. Das muss ein Ende haben, und so sucht er per Annonce eine unattraktive Frau als potentielle Gattin. Entschlossen, ihre große Schwester an den Mann zu bringen, beantwortet Claire ohne deren Wissen die Anzeige, und so lernen sich Rose und Gregory kennen. Es entsteht eine wunderbare Freundschaft, es wird viel geredet und gelacht, und schließlich macht Gregory der verdutzten Rose auch einen Antrag — mit der einzigen Bedingung, dass Sex in ihrer Beziehung ausgeschlossen bleibt. Rose nimmt den Antrag an, und zunächst läuft auch alles glatt, doch dann kommt doch das Begehren ins Spiel…
Wie es weitergeht, ist eigentlich recht vorhersehbar, das hässliche Entlein verwandelt sich — soweit das für Barbra Streisand möglich ist — in einen schönen Schwan, der Professor wirft seine Prinzipien über Bord, und alle sind glücklich. Das Schönste an »The Mirror Has Two Faces« sind die Szenen zwischen Mutter und Tochter, Bacall und Streisand spielen sie virtuos zwischen Schlagabtausch, Komödie und Melancholie. Für eine Hollywood-typische Komödie ist der Film ungewöhnlich lang geraten — er geht über zwei Stunden —, aber das ist für die vielen Feinheiten und Zwischentöne auch dringend notwendig.

Die Produktion war, wie nicht anders zu erwarten, von immensen Schwierigkeiten begleitet. Da die Streisand es kategorisch ablehnt, von links gefilmt zu werden — offenbar ist ihre rechte Gesichtshälfte ihre Schokoladenseite —, mussten viele Sets umarrangiert werden. Als der Dreh etwa hälftig vorbei war, warf der Kameramann entnervt das Handtuch und musste ersetzt werden, und auch Jeff Bridges war aufgrund der Barbra-Probleme kurz davor, seinen Hut zu nehmen. Dem Film merkt man das gottlob nicht an, die Streisand kommt charmant und sympathisch rüber, man lacht und weint mit den Figuren und freut sich auch nachhaltig noch über diesen famosen New York-Film.
(Kurze Anmerkung zum Schluss: Wer Lust hat, sollte sich bei YouTube das Streisand-Interview bei Oprah anschauen, dort wurde der Irrsinn episch!)

André Schneider

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