Filmtipp #240: und morgen mittag bin ich tot

und morgen mittag bin ich tot

Originaltitel: und morgen mittag bin ich tot; Regie: Frederik Steiner; Drehbuch: Barbara te Kock; Kamera: Florian Emmerich; Musik: Daniel Sus; Darsteller: Liv Lisa Fries, Lena Stolze, Sophie Rogall, Max Hegewald, Bibiana Beglau. Deutschland 2013.

und morgen mittag bin ich tot

Fiese Kommentatoren in diversen Online-Filmforen ätzten — offenbar, ohne »und morgen mittag bin ich tot« überhaupt gesehen zu haben —, diese deutsche Produktion sei ein billiger Abklatsch der US-amerikanischen Kitschoper »The Fault in Our Stars« (Regie: Josh Boone). Nicht nur, dass die Sujets der beiden Filme grundverschieden sind, »und morgen mittag bin ich tot« ging auch lange vor »The Fault in Our Stars« in Produktion. Das Einzige, was die beiden Filme eint, ist der enorme Druck, den sie auf die Tränendrüsen der Zuschauer ausüben.

Lea, gespielt von der umwerfenden Liv Lisa Fries, ist 22 Jahre jung und unheilbar lungenkrank. Ihr älterer Bruder ist bereits an der tückischen Erbkrankheit gestorben, und auch Lea hat ein jahrelanges Martyrium aus Krankenhausaufenthalten und Schmerzen hinter sich; jeder Atemzug tut ihrem Körper weh. Mithilfe einer Schweizer Sterbehilfeorganisation möchte sie ihr Leiden beenden. Am Vorabend ihres Geburtstags fährt sie nach Zürich. Dort angekommen, bittet sie ihre Familie — Großmutter Maria (Kerstin de Ahna), Schwester Rita (Sophie Rogall) und Mutter Hannah (wunderbar: Lena Stolze) — zu sich: Sie möchte ihren letzten Geburtstag im Kreise ihrer Lieben feiern und anschließend friedlich aus dem Leben scheiden. Doch ganz so einfach und harmonisch verläuft es schließlich doch nicht, denn Lea stößt bei ihrer Mutter auf heftige Gegenwehr…

Ein rundum gelungener und mutiger Streifen, der von seinem wohldurchdachten Drehbuch und den brillanten Leistungen seiner beiden Hauptdarstellerinnen lebt. Liv Lisa Fries beweist erneut, dass sie zum Besten gehört, was das hiesige Kino an Nachwuchs zu bieten hat. Ihre Lea ist bei aller Zerbrechlichkeit eine willensstarke und entschlossene junge Frau, die sich ihr Recht auf ein selbstbestimmtes und würdevolles Leben — was das Sterben ja mit einbezieht — von nichts und niemandem nehmen lassen will. Lena Stolze gibt als deren Mutter, die das Beste für ihr Kind will und dafür sich selber überwinden muss, eine eindrucksvolle Glanzvorstellung, die einem schier das Herz zerreißt. Nach hartem innerlichen Kampf, den wohl jeder Zuschauer, sofern er entfernt zur Empathie fähig ist, nachvollziehen kann, schafft sie es schlussendlich, ihre Tochter liebend gehen zu lassen: Lea stirbt nach der Einnahme ihrer Medikamente sanft in ihren Armen.
Neben der packenden Familiengeschichte wirft der Film die berechtigte Frage auf, warum es in Deutschland gesetzlich verboten ist — ich formuliere das jetzt ein wenig überspitzt —, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Diese Frage bleibt zum Ende von »und morgen mittag bin ich tot« mit einem großen Fragezeichen im Raume stehen.

André Schneider

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