Filmtipp #126: Barfuß im Park

Barfuß im Park

Originaltitel: Barefoot in the Park; Regie: Gene Saks; Drehbuch: Neil Simon; Kamera: Joseph LaShelle; Musik: Neal Hefti; Darsteller: Jane Fonda, Robert Redford, Mildred Natwick, Charles Boyer, Herb Edelman. USA 1967.

Barefoot in the Park

»Barefoot in the Park« war zwar mitnichten Neil Simons erstes Stück gewesen, wohl aber sein erster durchschlagender Erfolg: Vier Jahre lang, von 1963 bis 1967 (1.532 Aufführungen!), wurde die Komödie ununterbrochen am Broadway gespielt und verhalf dem blutjungen Robert Redford in der Rolle des steifen Anwalts Paul Bratter zum Durchbruch. Heute ist Neil Simon längst ein Klassiker, der finanziell erfolgreichste Komödienautor Amerikas. Sein Name wurde zum Synonym für Situationskomik mit menschlichem Hintergrund. Stars wie Jack Lemmon und Walter Matthau fanden in seinen Stücken ihre dankbarsten Rollen. Viermal wurde er, der frühzeitig begann, seine Bühnenstücke in hollywoodgerechte Drehbücher umzuschreiben, für einen Oscar nominiert; für sein Stück »Lost in Yonkers« erhielt er den Pulitzer-Preis. Bis heute werden seine Stücke »The Odd Couple«, »The Sunshine Boys« oder eben »Barefoot in the Park« immer wieder neu inszeniert. Wann immer man einen Broadway-Spielplan zur Hand nimmt, gibt es dort mit Sicherheit (mindestens) ein Neil-Simon-Stück im Programm.
     Der ehemalige Schauspieler (und Ehemann von »Golden Girl« Beatrice Arthur) Gene Saks sollte mit der von Hal B. Wallis (»Casablanca«, 1942) produzierten Hollywood-Adaption des Bühnenhits sein erfolgreiches Regiedebüt geben, denn auch auf der Leinwand wurde »Barefoot in the Park« ein zündender Kassenschlager und schaffte es immerhin auf Platz 6 der erfolgreichsten Streifen des Jahres 1967. Der sagenhafte Erfolg geht fast gänzlich auf das Konto des erstklassigen Darstellerensembles. Am Broadway hatte die quirlige Elizabeth Ashley die Rolle der Corie gespielt und damit Kritiker wie Zuschauer vom Hocker gerissen, Produzent Wallis bestand für die Verfilmung jedoch auf einen waschechten Filmstar und engagierte Jane Fonda, die sich wiederum dafür stark machte, dass zumindest der Bühnen-Paul seine Rolle vor der Filmkamera wiederholen durfte. Auch Mildred Natwick, die in der Broadway-Aufführung Cories Mutter Ethel gespielt hatte, bekam die entsprechende Rolle im Film und dankte es mit einer Spitzenleistung, die mit einer Oscarnominierung geadelt wurde.
     Redford, der seine Rolle gehasst haben soll, gelang als Paul Bratter erfolgreich der Einstieg ins Filmgeschäft, und auch Jane Fondas Starstatus wurde durch den Erfolg nachhaltig gefestigt. In Nebenrollen sind Mabel Albertson und der unvergleichlich witzige Herb Edelman (dem späteren Stan Zbornak, Ex-Mann Dorothys in »Golden Girls«) zu bewundern. Auch er hatte in der legendären Broadway-Inszenierung (Regie: Mike Nichols) gespielt.
     »Barefoot in the Park« gilt als eine der schönsten Liebeserklärungen, die das Kino je der Stadt New York gemacht hat — und entstand fast vollständig in den Paramount Studios in Hollywood. Lediglich für ein paar Außenaufnahmen schickte man ein stark reduziertes Team für gerade einmal zwei Wochen an die Ostküste.

In »Barefoot in the Park« geht es um das alte Naturgesetz, dass sich Gegensätze zwar anziehen, ein Zusammenprall aber auch problematisch sein kann. Es beginnt mit der Hochzeitsnacht, die das frisch gebackene Ehepaar Bratter in New Yorks Plaza Hotel — einem bevorzugten Handlungsort von Neil-Simon-Stücken — in stürmischer Leidenschaft verbringt; selbst das Hotelpersonal kriegt das verliebte Paar tagelang nicht zu Gesicht. Als die Tür sich endlich wieder öffnet, darf der Zuschauer bezeugen, wie verschieden die Jungverheirateten sind: Corie ist sexy, verspielt, immer zu Streichen aufgelegt, Paul dagegen korrekt, pflichtbewusst und leicht aus der Fassung zu bringen. Auch als die beiden Turteltauben ihre putzige kleine Wohnung im fünften Stock (ohne Aufzug, ein running gag des Films) beziehen und — obschon vom Treppensteigen ständig außer Atem — nicht zu trennen sind, ahnen wir Zuschauer, dass hier Feuer und Wasser aufeinander treffen und es gewaltig zischen wird. Das Auftauchen eines französischen Bonvivants (Charles Boyer), der darauf besteht, seine Mansarde auf dem Umweg durch das Schlafzimmer der Bratters zu erreichen, und der Auftritt der ebenfalls vom Erklimmen des Treppenhauses völlig fertigen Mutter der Braut tragen nicht gerade zur Verbesserung des immer frostiger werdenden Klimas bei. Während die Schneeflocken durch das zerbrochene Dachfenster direkt auf die Couch der beiden rieseln, weicht die Hitze der ersten Leidenschaft einer nüchternen Einschätzung der Lage und des Ehepartners. Corie hält Paul für steif und langweilig, wollte er doch nicht einmal barfuss mit ihr den Washington Park durchqueren. Er dagegen findet sie verantwortungslos und hysterisch und erwägt nach einer alkohol- und streitdurchwachter Nacht den Auszug aus dem erkalteten Liebesnest.
     Natürlich geht alles gut aus, und natürlich sind die Wortgefechte, im Stil einer altmodischen screwball comedy gehalten, keine Exkurse in die komplizierte Psyche der Protagonisten, Neil Simon ist schließlich kein Tennessee Williams. Dennoch lebt die Komödie auch fünf Jahrzehnte später noch von den kleinen Spitzfindigkeiten, die Simon in seine Dialoge legte, um durch Übertreibungen das unverzichtbare Körnchen Wahrheit erkennbar zu machen.
     Einer meiner persönlichen all-time favourites, und eine der schönsten Komödien der Filmgeschichte.

André Schneider

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