Filmtipp #594: Mädchen aus der Unterwelt

Mädchen aus der Unterwelt

Originaltitel: Party Girl; Regie: Nicholas Ray; Drehbuch: George Wells, Leo Katcher; Kamera: Robert Bronner; Musik: Jeff Alexander; Darsteller: Robert Taylor, Cyd Charisse, Lee J. Cobb, John Ireland, Corey Allen. USA 1958.

In »Party Girl« gehen Revue- und Gangsterfilm eine ungewöhnliche Liaison ein. Das Drehbuch von George Wells und Leo Katcher war bestenfalls Mittelmaß, doch Nicholas Ray, ein ebenso erfolgreicher wie unterschätzter Regisseur, setzte es unter der Ägide von Produzent Joe Pasternak so souverän und temporeich um, dass der Streifen künstlerisch wie kommerziell zu einem Erfolg für MGM wurde. Das ist vor allem Rays souveräner Handhabung des CinemaScope-Formats und einer ausgefeilten, von kräftigen Rottönen getragenen Farbdramaturgie sowie den ausgezeichneten Leistungen der Schauspieler geschuldet. Vielen Filmhistorikern gilt »Party Girl« als Rays optisch schönster Film. Kameramann Bronner lässt die Farben nur so knallen, sie explodieren förmlich auf unserer Netzhaut. Dabei wird nie zum Selbstzweck auf der Klaviatur der Farbpalette gespielt — das Kunststück ist, dass »die Farbdramaturgie als Allegorie über Fragen der Selbstverwirklichung und der Gewalttätigkeit verstehen lässt«, wie das »Lexikon des internationalen Films« lobte.

»Party Girl« entführt den Zuschauer in das Chicago der 1930er. Lee J. Cobb spielt den ungehobelten Gangster Rico Angelo. Dass mit ihm nicht gut Kirschen essen ist, demonstriert er gleich in einer der ersten Szenen: Während einer Party schießt er mehrfach auf ein gerahmtes Foto von Jean Harlow. Diese hat nämlich geheiratet und damit ihn, ihren größten Fan, tödlich gekränkt. Bei Rico sitzt also mehr als nur eine Schraube locker. Auf besagter Party tummeln sich auch sein Anwalt Tommy Farrell (Taylor) und die Tänzerin Vicki Gaye (Charisse), die in einem von Ricos Nachtclubs arbeitet. Die beiden sind sich sympathisch, und so nimmt Vicki den Anwalt »auf einen Kakao« mit zu sich nach Hause — wo sie prompt über ihre tote Mitbewohnerin stolpern, die sich aufgrund einer ungewollten Schwangerschaft in der Badewanne die Pulsadern geöffnet hatte. Ein dramatischer Auftakt für eine Liebesbeziehung. Aber nichtsdestotrotz verlieben sich Tommy und Vicki und wollen gemeinsam ein neues Leben beginnen. Doch da haben sie die Rechnung ohne Rico gemacht, der gar nicht daran denkt, Tommy gehen zu lassen. Er verdonnert ihn dazu, die Verteidigung seines neuen windigen Geschäftspartners Cookie (Allen) zu übernehmen. Der Prozess platzt wegen Bestechung, und Rico lässt Cookie umbringen. Tommy wird als Zeuge verhaftet und von der Staatsanwaltschaft gezwungen, gegen seinen Boss auszusagen. Also lässt dieser Vicki entführen und droht, ihr Gesicht mit Säure zu verätzen, sollte Tommy tatsächlich aussagen…

Robert Taylor gibt als gehbehinderter Anwalt in Gewissensnöten eine formidable Vorstellung. In Nebenrollen glänzen Kent Smith als politisch engagierter Staatsanwalt sowie John Ireland, Claire Kelly, David Opatoshu und Corey Allen, der bereits in Rays Rebel Without a Cause an der Seite von James Dean zu sehen gewesen war. Cyd Charisse hat schauspielerisch nicht viel zu tun, denn das Drehbuch schnürt sie in ein glamouröses Klischee-Korsett. Dafür bekam sie zwei Tanznummern, die choreographisch zwar nicht in die 1930er, sondern vielmehr in die späten 1940er gehörten, aber dafür visuell geradezu bombastisch in Szene gesetzt wurden. Trotz des späten Entstehungszeitpunkts und des unüblichen »Happy Ends« wurde der Streifen von Filmhistorikern als film noir klassifiziert.

André Schneider

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