Filmtipp #579: Der unsichtbare Gast

Der unsichtbare Gast

Originaltitel: Contratiempo; Regie: Oriol Paulo; Drehbuch: Oriol Paulo; Kamera: Xavi Giménez; Musik: Fernando Velázquez; Darsteller: Mario Casas, Ana Wagener, José Coronado, Bárbara Lennie, Francesc Orella. Spanien 2016.

Ein klug konstruierter, preisgekrönter Thriller aus Spanien, der eindrucksvoll demonstriert, dass es auch ohne Blut und Metzeleien geht, wenn die Charaktere nur interessant genug sind und die Story allein zu fesseln vermag. Wie bei jedem guten Thriller steckt auch in »Contratiempo« eine erschütternde menschliche Tragödie, die dem meisterhaft geschriebenen Werk zu einer Tiefenwirkung verhilft, die auch nach Filmschluss noch zu erschüttern vermag. »Contratiempo« spielt, wie der Originaltitel schon nahelegt, mit Zeit(en) und Wahrnehmung(en), den Ebenen dazwischen und vertrackten Wendungen, die das Interesse bis zur letzten Sekunde aufrecht erhalten. Ganz nebenbei ist der Film stimmungsvoll gestaltet: Licht und Bauten erschaffen ein kühl-elegantes Ambiente. Der Cutter Jaume Martí wurde für seine hervorragende Arbeit für einen Gaudí Award nominiert.
»Contratiempo« ist auch und vor allem gutes, altmodisches Starkino. Mario Casas, seit einigen Jahren the hottest item im spanischen Kino, gibt uns den erfolgsverwöhnten Geschäftsmann Adrián Doria, der zu Beginn des Films in einem Hotelzimmer aufgefunden wird. Er hat eine Kopfverletzung, und seine Geliebte liegt tot im Bad. Die Tür des Hotelzimmers war von innen verschlossen, von einem weiteren Verdächtigen fehlt jede Spur, so dass der Verdacht unweigerlich auf Adrián fallen muss. Sein Leben implodiert. Seine Ehefrau setzt sich mitsamt der gemeinsamen Tochter ab. Seitensprung plus Lügen plus Mordverdacht waren Señora Doria ein Quäntchen zu viel. Adrián befand sich nämlich nicht auf einer Geschäftsreise, wie er seiner Gattin verklickert hatte, sondern unternahm mit seiner Freundin einen lustvollen Kurztrip. Auf der Rückfahrt wurde das Paar Zeuge eines offenbar tödlichen Wildunfalls. — Virginia Goodman (Wagener), eine toughe Star-Anwältin mit tadellosem Ruf, übernimmt Adriáns Fall. Kurz vor Prozessbeginn entwickelt sie eine neue Verteidigungsstrategie, wofür Adrián ihr allerdings die komplette Wahrheit offenbaren muss. Es kommen einige dunkle Geheimnisse zum Vorschein. In den nun folgenden Rückblenden entwickelt Autor und Regisseur Oriol Paulo verschiedene Versionen des Geschehens, es kommen unterschiedliche Motivationen und Vertuschungsversuche zum Vorschein. Die weiße Weste des merkwürdig sympathischen Unsympathen Adrián färbt sich nach und nach blutrot. Das Kammerspiel zwischen ihm und der bohrend nachfragenden Virginia wird zu einem Thriller, in dem es um Wahrheitsfindung und Moral geht. Das Kreuzverhör, dem Adrián unterzogen wird, setzt ihm mehr zu, als er je zu träumen gewagt hatte.

Ana Wagener, 1962 auf Gran Canaria geboren, ist eine der profiliertesten Bühnenschauspielerinnen Spaniens. Seit den späten 1990ern steht die wandlungsfähige Charakterdarstellerin auch regelmäßig vor der Kamera. In »Contratiempo« gibt sie eine schier unglaublich facettenreiche und starke Vorstellung mit doppeltem Boden.
Mit rund vier Millionen Euro Produktionskosten war »Contratiempo« alles in allem ein eher kleiner Film, der hauptsächlich in Barcelona und Girona gedreht wurde. Weitere Außenaufnahmen entstanden in Bizkaia. Im September 2016 in den USA uraufgeführt, entwickelte sich Oriol Paulos Nervenkitzler rasch zu einem Festival-Hit. Seine Produktionskosten fuhr er dann schließlich bei Kinoauswertungen in Asien — in China entwickelte sich der Film zu einem Kassenknüller — und Südamerika ein. In Deutschland erschien der Streifen 2017 auf DVD und bekam — wie es gute, deutsche Sitte ist — einen saudummen Titel verpasst. Die sonst so missgünstigen deutschen Kritiker lobten das Werk praktisch einstimmig. So schwärmte beispielsweise der »Filmdienst« von dem Hauptdarsteller: »Besonders […] Mario Casas setzt die verschiedenen Facetten seiner Rolle überzeugend um. Durch die Befragungen offenbart er immer tiefere Einblicke in Adriáns Innenleben und auf das komplexe Geschehen, begibt sich in dunklere Bereiche seines Lebens, als er eigentlich möchte.«
Ein Geheimtipp aus neuerer Zeit, den ich uneingeschränkt jedem Thriller-Fan empfehlen möchte.

André Schneider

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2 thoughts on “Filmtipp #579: Der unsichtbare Gast

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