Filmtipp #558: Der Schwanz des Skorpions

Der Schwanz des Skorpions

Originaltitel: La coda dello scorpione; Regie: Sergio Martino; Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Sauro Scavolini, Eduardo Manzanos Brochero [Eduardo M. Brochero]; Kamera: Emilio Foriscot; Musik: Bruno Nicolai; Darsteller: George Hilton, Anita Strindberg, Alberto de Mendoza, Ida Galli [Evelyn Stuart], Luigi Pistilli. Italien/Spanien 1971.

In Lo strano vizio della Signora Wardh war es das architektonisch erdrückende, kalte und behäbig dahinsiechende Wien, hier verschlug es Sergio Martino ins hippe London und anschließend nach Griechenland. Die geheimnisvoll-schöne Ida Galli — besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Evelyn Stewart — gibt uns hier eine gewisse Lisa Baumer, deren Ehemann bei einem putzig in Szene gesetzten Flugzeugunglück sein Leben verliert. Durch sein Ableben kommt die untreue Lisa in den Genuss seiner Lebensversicherung. Als sie das Geld in Athen abholen will, warten dort bereits einige Ganoven und ein Versicherungsdetektiv namens Peter Lynch (Hilton) auf sie. Lisas Reise endet ähnlich wie die von Janet Leigh in Psycho: sie wird in einem Hotelzimmer aufgeschlitzt. Nun tritt die eigentliche Hauptdarstellerin des Films auf: Anita Strindberg, die wohl geheimnisvollste Giallo-Darstellerin der Siebziger. Sie spielt eine Journalistin und präsentiert uns mehr als einmal ihre beeindruckend harten Silikonbrüste. Luigi Pistilli ist als Inspektor zu sehen, aber eigentlich erledigen Strindberg und Hilton die detektivische Hauptarbeit. Doch auch sie können nicht verhindern, dass weiter gemordet wird. Eine der faszinierendsten und spannendsten Sequenzen gelang Martino mit der herben Janine Reynaud, deren Filmkarriere gerade mal 13 Jahre und 30 Filme umfasste. Sie wird in ihrer Athener Wohnung von einem behandschuhten Killer überfallen, der an jenen aus Bavas Sei donne per l’assassino erinnert.

»La coda dello scorpione« geht in Sachen Brutalität recht drastisch vor. Die Auflösung des Ganzen ist hanebüchen und so weit hergeholt, dass selbst eingefleischte Giallo-Fans erschüttert aus dem Film herausgehen. Der inhaltliche Unfug ist einfach zu monströs, die Logiklöcher sind so groß, dass eine Elefantenherde hindurch laufen könnte. Dennoch gehört der Streifen zu meinen Favoriten — er ist verdammt unterhaltsam und bietet alles, was das Giallo-Herz begehrt: eine Flasche J&B Whiskey, schicke Frauen, schwarze Handschuhe, Wendeltreppen, grelle Primärfarben, nagellackrotes Blut, stylisch inszenierte, exzessive Morde, phantasievolle Experimente mit Kamerapositionen und -fahrten, ein haarsträubendes Finale. Die Kameraarbeit in »La coda dello scorpione« ist besonders entfesselt und verspielt. Die Wahl der Objektive ist phasenweise ziemlich gewagt, die Kamera scheint ständig neue Winkel zu suchen, kippt mehrmals für eine gesamte Szene um 90 Grad. Der grelle rote Hut von Lisa Baumer alias Evelyn Stewart alias Ida Galli wird ebenso prominent ins Bild gerückt wie das von blonden Strähnen verhangene Gesicht Anita Strindbergs vorm griechischen Meer, auf dem die Sonnenstrahlen tanzen. — Nicht unerwähnt bleiben darf Bruno Nicolais exzellenter Soundtrack, der »La coda dello scorpione« zu einem Ohrenschmaus macht. Natürlich is Alberto de Mendoza einmal mehr mit von der Partie; seine Mitwirkung war stets eine Bereicherung für jeden Giallo.

Im deutschsprachigen Raum wurde »La coda dello scorpione« in unterschiedlichster Weise herausgebracht. Nach seiner Kinoauswertung Anfang der siebziger Jahre verschwand der Film zunächst für einige Jahre in der Versenkung, um dann auf dem Videomarkt wieder aufzutauchen. Unterschiedlichste Labels brachten den Streifen auf VHS oder DVD heraus, teilweise auch in gekürzter Form. Eine weitere Fassung — eine TV-Version — war umgeschnitten und praktisch völlig entstellt. All diesen Auswertungen gemein war die 1983 eigens für den Videomarkt angefertigte Zweitsynchronisation. Die Erstsynchronisation von 1971 war über vier Jahrzehnte nicht mehr zu sehen — bis die grandios aufgemachte DVD von filmArt erschien. Eine würdige, liebevoll gestaltete Veröffentlichung eines Giallo-Klassikers.

André Schneider

Advertisements

2 thoughts on “Filmtipp #558: Der Schwanz des Skorpions

  1. Pingback: Filmtipp #609 & #610: Der Tod küsst dich um Mitternacht & Die eiserne Hand des Todes | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  2. Pingback: Filmtipp #616: An einem Freitag in Las Vegas | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.