Filmtipp #515: Tödliche Ferien

Tödliche Ferien

Originaltitel: And Soon the Darkness; Regie: Robert Fuest; Drehbuch: Brian Clemens, Terry Nation; Kamera: Ian Wilson; Musik: Laurie Johnson; Darsteller: Pamela Franklin, Michele Dotrice, Sandor Elès, John Nettleton, Clare Kelly. GB 1970.

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Ein böser kleiner Thriller, dessen Spannungskurve in der letzten halben Stunde beinahe die Grenzen des Erträglichen sprengt. Dabei werfen Regisseur Fuest und seine Drehbuchautoren eigentlich nur die gängigen Zutaten in den Topf: Zwei junge Engländerinnen, die Freundinnen Jane (Franklin) und Cathy (Dotrice), machen mit ihren Fahrrädern einen Trip quer durch Frankreich. Nach einem Streit fährt die erboste Jane alleine weiter und lässt die sonnenbadende Cathy zurück — eine folgenschwere Entscheidung, denn als Jane sich abgeregt hat und zurückfährt, ist ihre Freundin wie vom Erdboden verschwunden. Bei ihrer Suche auf der leeren Landstraße, die lediglich durch ein paar halb verwaiste Dörfer führt, trifft sie auf Paul (Elès), der sich ihr als Polizist aus Paris vorstellt und ihr seine Hilfe anbietet. Als Jane erfährt, dass auf der Strecke unlängst eine Touristin vergewaltigt und ermordet aufgefunden wurde, regt sich in ihr das ungute Gefühl, dem mysteriösen Fremden nicht wirklich trauen zu können…

»And Soon the Darkness« — ein wirklich schöner Titel! — spielt konsequenterweise gänzlich im Tageslicht; die Handlung beginnt vormittags und endet am frühen Abend. Die flirrende Hitze und die Leere der Straßen schaffen eine Atmosphäre der lauernden Bedrohung. Jane spricht kaum Französisch, die Franzosen kein Englisch. Es ist nicht schwer, ihre Verzweiflung und Isoliertheit nachzuempfinden. Ein wahrlich beklemmendes Gefühl. In jedem Blick der Einheimischen erkennt man Feindseligkeit, Misstrauen, Verschlagenheit. Was tun, wenn man auf Hilfe angewiesen ist und sich im Grunde an niemanden wenden kann? Dass das Ganze nicht gut ausgehen kann, spürt der Zuschauer schon in der ersten Viertelstunde, ich nehme hier also nichts wirklich vorweg, und die schlussendliche(n) Wendung(en) verrate ich auch nicht.
»And Soon the Darkness« war einer der ersten Filme, die bei EMI Elstree unter der Leitung von Bryan Forbes kostengünstig entstanden. Das Team hinter der Kamera hatte bereits erfolgreich bei der TV-Serie »The Avengers« zusammengearbeitet; für den damals 42jährigen Regisseur Fuest war dies die erst zweite Arbeit fürs Kino. (Sein erster Spielfilm war die Komödie »Just Like a Woman« (1967) mit Wendy Craig gewesen: ein Flop.) Pamela Franklin, die ihre Karriere als Kinderstar begonnen hatte, spielte hier ihre erste richtige Hauptrolle. Sie konnte sich unglücklicherweise nicht so recht etablieren, weshalb sie sich 1981 im Alter von nur 30 Jahren aus dem Business zurückzog. Hier lieferte sie einmal mehr eine sehr souveräne, fesselnde Darstellung ab, die großen Anteil am Gelingen dieses hochspannenden Schockers hatte. Im Hochsommer 1969 in der Gegend um Jargeau und in den Elstree Studios gedreht, war »And Soon the Darkness« ursprünglich kein allzu großer Erfolg gewesen. Über die Jahre jedoch gewann der Streifen an Reputation und konnte eine beachtliche Fangemeinde generieren, was im Jahre 2010 zu einem US-Remake mit Amber Heard führte, über das man besser schweigen sollte: ein wirklich grottenschlechtes Machwerk, das sich in keiner Hinsicht mit dem straff und atmosphärisch inszenierten Original messen kann.

André Schneider

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