17. Juli 2017

»Malice« (Regie: Harold Becker) ist ein verkannter Film. Es hieß, er sei zu verworren, überladen, habe zu viele Wendungen und wirke überkonstruiert. Als er 1993 in die Kinos kam, war er ein moderater Hit, der damals 65jährige Regisseur Becker konnte den Erfolg, den er mit »Sea of Love« (1989, mit Al Pacino und Ellen Barkin) gehabt hatte, nicht wiederholen. In »Malice« tun sich eine Psychopathin (Nicole Kidman) und ein Narzisst (Alec Baldwin) zusammen, um ein bisschen mit ihren Mitmenschen zu spielen und dabei so viel wie möglich abzuschöpfen. (Am Ende geht es um nicht weniger als 20 Millionen Dollar.) Sicher, die Nebenhandlung, in der ein Serienkiller sein Unwesen treibt, ist ein wenig zu viel des Guten, beschert uns aber immerhin Bebe Neuwirth in der Rolle einer patenten Polizistin. Gwyneth Paltrows Auftritt ist erfrischend kurz, so dass sie keinen weiteren Schaden anrichten kann. Anne Bancroft spielt die Mutter — und damit eines der Opfer — der Psychopathin. Kidman hatte sich in Vorbereitung auf ihre Rolle Rat bei Prof. Dr. Robert D. Hare geholt, dem Papst, wenn es um Psychopathen-Diagnostik geht. Er entwarf ein Szenario für sie, anhand dessen sie verstehen konnte, was sie dem Zuschauer zu vermitteln hatte: »Du gehst eine Straße hinunter und siehst, dass sich ein Unfall ereignet hat. Ein Kind ist überfahren worden, eine Menschenmenge versammelt sich, und du gehst neugierig zum Ort des Geschehens. Das Kind liegt auf der Straße, überall Blut. Du entdeckst ein wenig Blut an deinen Schuhen und sagst: ›Oh Scheiße!‹ Du siehst das Kind an, aber du bist nicht abgestoßen oder entsetzt, du bist nur interessiert. Besonders fasziniert dich die Mutter, die schreit und weint. Du beobachtest ihre Reaktion. Nach ein paar Minuten drehst du dich um und gehst zurück zu deinem Haus, stellst dich vor den Badezimmerspiegel und übst die Gesichtsausdrücke der Mutter. Das ist der Psychopath: jemand, der nicht versteht, was emotional los ist, der aber weiß, dass etwas Wichtiges passiert ist und lernt, das zu spielen, was die Umwelt erwartet.« Kidman ist in ihrer Darstellung punktgenau und überzeugend. Baldwin nicht weniger. Allein deswegen lohnt es sich, »Malice« eine zweite Chance zu geben.

In puncto Therapie verpasste mir meine Krankenkasse vorige Woche einen feisten Tiefschlag. Sie lässt sich auf keine Rückzahlungsvereinbarung ein. Im Klartext heißt das, dass ich mir einen anderen Psychologen suchen muss, was eine ganze Weile dauern kann. Im Hinblick auf die schwindenden Kraftreserven keine erquickliche Aufgabe. Die Absage drückte meine Stimmung in ein neues Rekordtief. Am Freitagabend hatte ich dann auch noch einen Fahrradunfall. Ich hatte gerade den Kottbusser Damm überquert und fuhr die Bürknerstraße hinauf, als ein junger Mann ohne zu gucken die Tür seines Smarts aufwarf und ich in vollem Tempo hineinfuhr. Die Scherben kleckerten auf die Straße, ich purzelte mit. Mein Lenker brach ab. Seine Tür war hinüber. Glimpflicher Ausgang, denn immerhin war ich nicht auf den Kopf gefallen. Ein paar kleinere Schnitte durch das Glas, Schürfwunden am linken Oberschenkel, zwei gebrochene Zehen rechts. Der Smart-Fahrer war sehr freundlich und ehrlich besorgt, und eine Passantin versorgte mich mit Heftpflastern. Trotzdem verdarb mir der Zwischenfall das Wochenende doch empfindlich, ich war (mal wieder) platt und antriebslos. Wenigstens am Sonntag konnte ich etwas Aktivität mobilisieren, ging zum Sport und schaute mir abends The Ladykillers an. Tat beides gut.

Bd. Voltaire bekam seine ersten Festivalzusagen. Im August feiert er seine Welturaufführung in Serbien, beim Nišville Movie Summit in Niš. Sieht nach einer hübschen Stadt aus. Ein Festival in den Vereinigten Staaten hat auch zugesagt. Wenn Details eintrudeln, findet Ihr sie bei den Terminen. — Indes macht mir das kommende Projekt in finanzieller Hinsicht zu schaffen. Wir brauchen noch einen warmen Regen, sonst können wir den Film vergessen. Allerdings habe ich nicht die Energie (und auch nicht die Zeit), wieder Spendenaufrufe zu starten oder nach Investoren zu fischen. Was also tun?

André

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