Filmtipp #496: Mein Onkel

Mein Onkel

Originaltitel: Mon oncle; Regie: Jacques Tati; Drehbuch: Jacques Tati, Jacques Lagrange, Jean L’Hôte [Jean L’Hote]; Kamera: Jean Bourgoin; Musik: Franck Barcellini, Alain Romans; Darsteller: Jean-Pierre Zola, Adrienne Servantie, Betty Schneider, Dominique Marie, Jacques Tati. Frankreich 1958.

mon-oncle

Wenn man sich einmal auf einen Tati-Film einlässt, kommt man aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Man wünschte sich, die Filme würden länger gehen, man möchte weiter schwimmen und tiefer eintauchen in seine phantastischen Welten und gar nicht mehr aufhören, mit ihm zu träumen. Dabei waren es lediglich fünf Spielfilme, die der geniale Mime und Filmemacher zwischen 1949 und 1971 machen konnte; mehr waren ihm nicht vergönnt gewesen. »Mon oncle« war sein dritter und bildet damit den Mittel- oder auch Höhepunkt seines kinematografischen Schaffens.

Das Domizil von Charles und Madame Arpel (Zola, Servantie) liegt in einem modernen, aseptischen Neubauviertel und verfügt über die neuesten technischen Errungenschaften. Da ist zum Beispiel die Fontäne in Form eines Fisches, die bei jedem sich ankündigenden Besuch anspringt. Die Einrichtung der Villa ist erschreckend steril, aber très chic. Der Sohn der Arpels, der kleine Gérard (Alain Bécourt), langweilt sich in dieser Umgebung, in der Humor und Spiel keinen Platz haben. — Monsieur Hulot (Tati), der Bruder von Madame Arpel, wohnt nicht weit entfernt in einer kleinen, verträumten Pariser Vorstadt, wo Hunde auf der Straße tollen und er den Kanarienvogel von gegenüber mit Lichtspielen zum Singen bringt. Als Hulot eines Tages bei seiner Schwester auf der Matte steht, ist das den Arpels eher unlieb, zumal er in das schnieke Ambiente nicht so recht hineinpassen will und die beherzten Integrationsversuche seitens der Familie missglücken. Zumal wird der schräge Onkel für den kleinen Gérard zu einer Art Vorbild, so dass Monsieur Arpel radikaleren Handlungsbedarf sieht…

Die Dreharbeiten zu »Mon oncle« hatten bereits am 10. September 1956 begonnen und sich bis ins Frühjahr 1957 hingezogen. Aufgrund der einjährigen Dauer des Schnitts und der Synchronisation kam Tatis erster Farbfilm jedoch erst 1958 in die Lichtspielhäuser. Dialog gibt es in »Mon oncle« kaum, die Tonspur besteht zum größten Teil aus Musik, Geräuscheffekten und einigen Satzfetzen. Tati/Hulot selbst macht sich seiner Umwelt — wie in seinen anderen Filmen auch — durch Pantomime verständlich; er spricht im ganzen Film nur zwei Sätze. »Mon oncle« ist eine launige Familienkomödie, bissige Satire, Filmkunst und Märchenfilm in einem — und ganz sicher einer der schönsten europäischen Filme des 20. Jahrhunderts. Der Journalist Brent Maddock schrieb einst über ihn: »Tatis Intentionen werden eher indirekt in seinen Komödien sichtbar. Worum es geht, ist nicht auf den ersten Blick wahrzunehmen, und doch ist alles präsent: absurdes Sozialverhalten, die zunehmende Ohnmacht des Menschen gegenüber der Technik, die wachsende Naturfremdheit und der Verlust menschlicher Werte.« Vor diesem Hintergrund ist »Mon oncle« heute, 60 Jahre nach seiner Entstehung, ein brandaktueller Streifen geblieben. Damals schon kriegte man sich kaum ein vor Begeisterung, der Film räumte alle damals wichtigen Preise auf beiden Seiten des Atlantiks ab, unter anderem einen Oscar und den Preis der Jury in Cannes. Neun Jahre später kam mit »Playtime« (bei uns als »Tatis herrliche Zeiten« bekannt) Jacques Tatis nächster und aufwendigster Film heraus, 1971 folgte »Trafic«, der leider nicht mehr ganz so gut ankam.

André Schneider

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