6. Juni 2017

Sandra Bernhard wird heute 62. Groß, schlaksig, jüdisch, Tochter eines Proktologen und einer abstrakten Künstlerin, aufgewachsen mit drei älteren Brüdern. In Flint (Michigan) geboren, siedelte sie mit ihrer Familie nach Arizona um, als sie zehn war. Mit 19 ging sie nach Los Angeles, um ins Showgeschäft einzusteigen. Mary Tyler Moore, Julie Christie und Candice Bergen waren ihre Vorbilder. Eine klassische Schönheit war sie nie, strotzte aber vor Selbstbewusstsein. Tagsüber arbeitete sie als Maniküre in einem Schönheitssalon in Beverly Hills, nachts enterte sie als eine der ersten Frauen die Comedy-Bühnen der Stadt. Im Comedy Store traf sie Lotus Weinstock und Paul Mooney, die ihr Potential erkannten und die schräge Komikerin, Sängerin und Schauspielerin förderten. Es sollte allerdings noch einige Jahre dauern, ehe Sandra über die Stadtgrenzen von Los Angeles hinaus Bekanntheit erlangen sollte. Bis es soweit war, tingelte sie weiter durch Clubs und ergatterte winzige Rollen neben Richard Pryor oder Cheech & Chong. Schauspielerischer Kleckerkram. Ihre große Chance kam 1981, als sie sich gegen Konkurrentinnen wie Meryl Streep und Jeannie Berlin behaupten konnte und den Zuschlag auf die Rolle der Masha in The King of Comedy erhielt, Regie: Martin Scorsese. Ihre Co-Stars: Jerry Lewis, Robert De Niro und Tony Randall. Zwar floppte der Film seinerzeit, war für die 26jährige jedoch trotzdem das Sprungbrett. 20 Jahre später gab sie zu, eigentlich ganz erleichtert gewesen zu sein, dass der Film kein smash hit wurde, sondern sich erst über die Jahre zu einem Kultfilm mauserte; heute gilt er als eine von Scorseses besten Arbeiten. — Es ging schleppend voran für Sandy in den 1980ern. The King of Comedy war 1983 gestartet, und es sollte zwei Jahre dauern, ehe sie wieder im Kino zu sehen war, in einer kleinen Nebenrolle in »Follow That Bird« (Regie: Ken Kwapis). Sie spielte Gastrollen in »Alfred Hitchcock Presents« und »The Hitchhiker«, nahm eine erste Langspielplatte auf und brachte ihre one-woman show Without You I’m Nothing, die später auch verfilmt wurde, nach New York. Letzteres war ihr größter Coup, die Show wurde ein Bombenerfolg. Das Live-Album wurde für einen Grammy nominiert. Sie spielte Without You I’m Nothing über Monate hinweg vor ausverkauftem Haus, war regelmäßig Gast bei Letterman und hatte schon bald neue Deals in Aussicht.

Sandra Bernhard, Foto von Sebastian Kim.

Sandra Bernhard, Foto von Sebastian Kim.

Ich hatte meine erste Berührung mit Sandy — wie die meisten Deutschen, wenn sie sie überhaupt kennen — durch »Roseanne«. Da spielte sie Nancy, die lesbische Kellnerin. Ich fand sie irre sexy! Ihre »Playboy«-Fotos von 1992 hängen heute noch in meiner Küche. Dann sah ich sie in »Dallas Doll« (Regie: Ann Turner), wo sie eine Golferin spielte, die nach und nach eine ganze australische Familie verführt — Vater, Mutter, Sohn — und am Ende von einem UFO abgeholt wird. Without You I’m Nothing rettete mir als Jugendlicher quasi das Leben; mit diesem Film wurde sie von einer Wichsphantasie zu einem Vorbild. »Track 29« (Regie: Nicolas Roeg) mit Gary Oldman und Christopher Lloyd war noch ganz gut, dann natürlich noch »Hudson Hawk« (Regie: Michael Lehmann) mit Bruce Willis und »Inside Monkey Zetterland« (Regie: Jefery Levy), bevor alles mehr und mehr belanglos-mittelmäßig wurde. Eine ganze Flut von schlechten Filmchen, Gastrollen in mediokren TV-Serien und Talkshow-Auftritten brach über uns herein. Das einzige Highlight aus dieser Zeit — es geht um die zweite Hälfte der 1990er — war die CD »Excuses for Bad Behavior, Part I«, die sie 1994 herausbrachte. Mit 20, 21 las ich ihr Buch »May I kiss you on the lips, Miss Sandra?« rauf und runter — was für eine Inspiration! Zur gleichen Zeit schaffte sie es mit ihrer neuen Show »I’m Still Here … Damn It!« bis an den Broadway. Mit ihrer Mitwirkung in »Dinner Rush« (Regie: Bob Giraldi) fand sie 2000 endlich einmal wieder in einem guten, kleinen Film zurück auf die Leinwand — leider ist das inzwischen auch schon 17 Jahre her. Sie macht weiterhin ihre Shows, bringt regelmäßig CDs heraus und absolviert in Comedy-Formaten wie »Hot in Cleveland«, »2 Broke Girls« oder »Brooklyn Nine-Nine« Gastauftritte. 1998 kam ihre Tochter Cicely zur Welt. Seit 1999 ist sie mit der Autorin Sara Switzer zusammen. Nach 25 Jahren in Los Angeles zog sie im Sommer 2000 nach New York. Dort, nehme ich an, feiert sie heute auch ihren Ehrentag.

André

 

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