Filmtipp #488: The Other

The Other

Originaltitel: The Other; Regie: Robert Mulligan; Drehbuch: Tom Tryon; Kamera: Robert Surtees [Robert L. Surtees], Musik: Jerry Goldsmith; Darsteller: Uta Hagen, Diana Muldaur, Chris Udvarnoky, Martin Udvarnoky, John Ritter. USA 1972.

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Ein subtiler, auf Schockeffekte und Blut wohltuend verzichtender Horrorfilm aus der Feder des ehemaligen Schauspielers Tom Tryon, der den Grusel vom Atmosphärischen her entwickelt und von Regisseur Robert Mulligan mit sicherer Hand inszeniert wurde.
Connecticut 1935, inmitten der Great Depression. Der kleine Niles (Chris Udvarnoky) lebt mit seiner von Schwermut geplagten Mutter (Muldaur), seiner klugen russischen Großmutter Ada (Hagen) sowie seinem Zwillingsbruder Holland (Martin Udvarnoky) auf einer kleinen Farm und führt dort ein beschauliches Leben. Ada ermutigt die Jungen, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen, und liebt ihre Enkel abgöttisch. Niles und Holland sind grundverschieden. Bei den gemeinsamen Spielen und Streichen, welche oft die Grenzen der Harmlosigkeit überschreiten, scheint Holland der Anstifter zu sein, während der artige Niles lediglich Mitläufer ist. Im Laufe des Sommers häufen sich grausige Unfälle im Umfeld der Jungen: Cousin Russell (Clarence Crow) stürzt beim Spielen in eine im Heuhaufen verborgene Mistgabel, eine ältliche Nachbarin erschreckt sich über eine tote Ratte wortwörtlich zu Tode, und Niles führt mit Holland immer ernstere Gespräche…

Realität und Phantasie durchmischen sich kontinuierlich in diesem raffiniert inszenierten Gruselmärchen über die Abgründe kindlicher Seelen. Es ist von Beginn an klar, dass die im Wesen so unterschiedlichen Zwillingsbrüder Gut und Böse repräsentieren und dass der skrupellose Holland das ausführt, was Niles sich insgeheim wünscht. Uta Hagens Figur der Großmutter übernimmt hierbei eine nicht uninteressante Funktion, die sich vielschichtig deuten lässt. Obwohl beide Jungen nie zusammen mit anderen Personen gemeinsam auftreten — sie sind auch nicht ein einziges Mal beide in einem Bildausschnitt zu sehen — und alle Geschehnisse durch Niles’ Augen gezeigt werden, gelingt es Mulligan geschickt, die frappierende Auflösung, die hier nicht verraten werden soll, bis zum Schluss hinauszuzögern.
Tom Tryon wollte eigentlich Ingrid Bergman für die Hauptrolle gewinnen und die Zwillinge von dem populären Kinderstar Mark Lester spielen lassen. Doch Bergman hatte eine anderweitige Verpflichtung. Broadway-Legende Uta Hagen gab an ihrer Stelle im Alter von 52 Jahren ihr Filmdebüt und brachte die Udvarnoky-Brüder gleich mit. Gedreht wurde von September bis Dezember 1971 in Kalifornien, da das Wetter in Connecticut zu dieser Jahreszeit nicht mehr zum Drehen geeignet war. »The Other« lief seinerzeit relativ unbeachtet in den Lichtspielhäusern, konnte aber durch diverse Wiederholungen im Fernsehen mit der Zeit sein Publikum gewinnen. Einer der größten Fans des Films war der Star-Kritiker Roger Ebert, der in seiner Rezension schrieb: »[The film] has been criticized in some quarters because Mulligan made it too beautiful, they say, and too nostalgic. Not at all. His colors are rich and deep and dark, chocolatey browns and bloody reds; they aren’t beautiful but perverse and menacing. And the farm isn’t seen with a warm nostalgia, but with a remembrance that it is haunted.« — In Deutschland erlebte »The Other« seine Premiere erst am 3. Mai 1985 im Nachtprogramm der ARD; man hatte den Film lediglich mit Untertiteln versehen, die Synchronisation sparte man sich. 2016 brachte das französische Label WildSide das in Vergessenheit geratene Kleinod in einer liebevoll aufgemachten Edition als DVD und BluRay auf den Markt: Neben einem 78seitigen filmhistorischen Booklet wurde auch eine 34minütige Dokumentation produziert und auf die Silberlinge gepresst.

André Schneider

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