Filmtipp #486: Francesca

Francesca

Originaltitel: Francesca; Regie: Luciano Onetti; Drehbuch: Luciano Onetti, Nicolás Onetti; Kamera: Luciano Onetti; Musik: Luciano Onetti; Darsteller: Raul Gederlini, Sivlina Grippaldi, Gustavo Dalessandro, Luis Emilio Rodriguez, Florencia Ollé. Italien/Argentinien 2015.

francesca

Ein rot behandschuhter Killer versetzt eine Stadt in Angst und Schrecken. Er scheint sich bestens mit Dantes »Göttlicher Komödie« auszukennen und ist den beiden Inspektoren Moretti (Rodriguez) und Succo (Dalessandro) immer (mindestens) einen Schritt voraus. Die Spur verdichtet sich erst, als die Beamten in Erfahrung bringen, dass die Morde irgendwie mit der 15 Jahre zurückliegenden Entführung der kleinen Francesca zusammenhängen…

Zugegeben, die Handlung ist dünn und hält bei näherer Betrachtung auch keinem Logikcheck stand, aber das fällt im Falle von »Francesca« weiß Gott nicht ins Gewicht, denn die Story dient den Machern nur als Vorwand, um einen filmischen Liebesbrief an den Giallo zu fabrizieren. Herausgekommen ist jedoch viel, viel mehr: kein Meta-Giallo, kein Neo-Giallo, sondern ein richtiger Giallo! »Francesca« sieht aus, als sei er in den frühen Siebzigern entstanden und eines Tages in irgendeinem Archiv wieder aufgetaucht. Die argentinischen Brüder Luciano (Regie und Drehbuch) und Nicolás Onetti (Produktion und Drehbuch) sind wirkliche Kenner des Genres, das sieht und hört man in jeder Sekunde von »Francesca«. Die Musik gemahnt an die Stücke von Goblin oder Morricone, die Morde sind en détail und mit vielen Groß- und Detailaufnahmen in Szene gesetzt, und es fahren sogar die alten italienischen Autos durchs Bild. »Francesca« hat alle Zutaten und Qualitätsmerkmale, die ein klassischer Giallo braucht: der maskierte Mörder, das Kindheitstrauma, das Tonband-Gerät, die Lederhandschuhe, der J&B Whiskey, das knallig-künstlich aussehende Blut, die im Dunkeln tappende Polizei, die point of view-Perspektive des Killers, die phantasievollen Morde, die abrupten Wendungen. Lediglich auf Nacktheit wird hier verzichtet. Während Amer ein Kunstfilm war, der sich lediglich visueller und akustischer Stilmittel des Giallos zu Eigen machte, ist »Francesca« der vielleicht erste echte Giallo der 2010er. — 2013 hatten die Onetti-Brüder bereits mit »Sonno Profondo« einen Neo-Giallo herausgebracht, der allerdings zu experimentell und assoziativ war, um ein breites Publikum zu erreichen. Eine Handlung war praktisch nicht erkennbar, der Film zelebrierte lediglich das alte »Stil über Substanz«-Rezept. Bei »Francesca« legten die jungen Filmemacher ihr Augenmerk schon etwas mehr auf das Drehbuch und widmeten sich, was für einen Giallo selten ist, mehr den Ermittlern als dem Mörder. Ein interessanter neuer Ansatz, um dem alten Genre neues Leben einzuhauchen. Ein echter Geheimtipp für alle Giallo-Fans und Giallo-Neueinsteiger!

André Schneider

Weitere gialli, die man gesehen haben sollte:
Filmtipp #31 bis #42: Meisterwerke des Giallo
Filmtipp #6: Diary of an Erotic Murderess
Filmtipp #58 & #59: Gefahr: Diabolik & Nackt über Leichen
Filmtipp #105: Vier Fliegen auf grauem Samt
Filmtipp #124: Tenebrae — Der kalte Hauch des Todes
Filmtipp #125: Die neunschwänzige Katze
Filmtipp #162 & #163: Das Rätsel der roten Orchidee & Das Rätsel des silbernen Halbmonds
Filmtipp #438: Das Parfüm der Dame in Schwarz
Filmtipp #449: Der schöne Körper der Deborah
Filmtipp #452: Alta tensión

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s