Filmtipp #485: Kleine Morde unter Freunden

Kleine Morde unter Freunden

Originaltitel: Shallow Grave; Regie: Danny Boyle; Drehbuch: John Hodge; Kamera: Brian Tufano; Musik: Simon Boswell; Darsteller: Kerry Fox, Christopher Eccleston, Ewan McGregor, Keith Allen, Colin McCredie. GB 1994.

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Bevor der Glasgower Produzent Andrew Macdonald und das Trio Danny Boyle (Regie), John Hodge (Drehbuch) und Ewan McGregor (Hauptdarsteller) mit »Trainspotting« (1996) einen globalen Hit einfuhren, entstand 1994 für das moderate Budget von 2,5 Millionen Dollar in nur 30 Drehtagen diese schwarze Krimikomödie, welche für alle Beteiligten den ersten Achtungserfolg darstellte. Macdonald und Boyle konnten den BAFTA für den besten Film des Jahres in Empfang nehmen; nur eine von den weltweit 14 Auszeichnungen, die »Shallow Grave« erhalten sollte. Darüber hinaus spielte der Streifen das zehnfache seiner Kosten wieder ein und machte Ewan McGregor, der bis dato nur in einigen TV-Produktionen wie zum Beispiel »Lipstick on Your Collar« zu sehen gewesen war, einem breiteren Publikum bekannt.

Obwohl aus Filmförderungsgründen in Glasgow gedreht werden musste, spielt die Handlung in Edinburgh. Die Ärztin Juliet Miller (Fox) teilt sich mit zwei Freunden, dem Buchhalter David (Eccleston) und dem Journalisten Alex (McGregor) eine geräumige Luxuswohnung im Herzen der Stadt. Ein letztes Zimmer ist vakant, so dass die drei Freunde auf Mitbewohner-Suche gehen. Ihre Wahl fällt auf Hugo (Allen), einen charmant-geheimnisvollen und offenbar recht wohlhabenden Poeten, der einen Roman schreiben möchte. Er zieht ein — und wird nicht mehr gesehen. Nach ein paar Tagen brechen die Mitbewohner seine Zimmertür auf und finden ihn tot auf dem Bett liegend. Außer der Leiche befindet sich noch ein Koffer voller Geld im Raum. Als der erste Schock überwunden ist, beraten Juliet, Alex und David, was nun geschehen soll. Man entschließt sich gemeinsam, das Geld zu behalten. Dazu wollen sie die Leiche durch Abtrennen der Hände und Füße unkenntlich machen und in einem nahegelegenen Waldstück begraben. In einem Losverfahren wird David dazu verdonnert, diese unappetitliche Aufgabe zu übernehmen; nach der nächtlichen Säg- und Buddelaktion ist der schüchterne Buchhalter ganz offensichtlich nicht mehr derselbe. Nun könnte man die Kohle eigentlich fair teilen und das Glück genießen, doch die eigentlichen Probleme fangen jetzt erst an: Zuerst steht die Polizei vor der Tür, und dann tauchen auch noch zwei Killer auf. Zudem wächst unter den drei Freunden das Misstrauen, und jeder verdächtigt den anderen, ihn übers Ohr hauen zu wollen. In ihrer maßlosen Gier steigern sich die ehemals besten Freunde in eine regelrechte Paranoia hinein…

»Shallow Grave« geht recht blutig zur Sache, die Gewalt ist effektvoll stilisiert und der Story angemessen. Hitchcock hätte seine wahre Freude an dem kleinen Meisterwerk gehabt, das nur so von schwarzem Humor strotzt und aufgrund der zwischenmenschlichen Konflikte eine fesselnde Doppelbödigkeit offenbart. Die visuelle Gestaltung — Brian Tufanos Kameraarbeit ist brillant! —, die geschmackvolle, stimmige Ausstattung und die Schnitte, die bereits die Dynamik von »Trainspotting« vorwegnehmen, machen »Shallow Grave« überdies zu einem formal sehr ansprechenden Erlebnis. Danny Boyles Inszenierung ist phantasievoll, tempo- und ideenreich, und das Spiel der drei Protagonisten kann nur gelobt werden. — »Shallow Grave« ist übrigens bis heute der Lieblingsfilm von Danny Boyles Vater geblieben. Selbst, als sein Sohn ihm »Slumdog Millionaire« (2008) zeigte — der Film, der 2009 acht Oscars gewinnen sollte —, sagte Boyle Senior trocken: »It was good, but not as good as ›Shallow Grave‹.«

André Schneider

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