Filmtipp #483: Fifty Shades of Grey

Fifty Shades of Grey

Originaltitel: Fifty Shades of Grey; Regie: Sam Taylor-Johnson; Drehbuch: Kelly Marcel; Kamera: Seamus McGarvey; Musik: Danny Elfman; Darsteller: Dakota Johnson, Jamie Dornan, Jennifer Ehle, Eloise Mumford, Luke Grimes. USA 2015.

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Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die Bücher von E. L. James nicht gelesen habe. Nach allem, was ich so hörte, klang das »Phänomen« ein wenig so wie das, was »Valley of the Dolls« für die Sechziger gewesen sein muss. Nur, dass Jacqueline Susann Klasse besaß — und eine gehörige Portion Selbstironie. Susanns Bestseller wurde 1967 von Mark Robson verfilmt. Der Film wurde, wie seine Buchvorlage auch, von der Kritikermeute genüsslich zur Schlachtbank geführt, aber das Publikum stürmte die Kinos und ließ bei der Fox die Kassen klingeln. Bei »Fifty Shades of Grey«, etwa 50 Jahre später, wiederholte sich das gewissermaßen. Die Rechte an der Roman-Trilogie waren schon früh an Universal verkauft worden, und allein der erste Film fuhr weltweit einen Gewinn von gut 600 Millionen Dollar ein — allerdings auch (neben einer Oscarnominierung) fünf Razzies, unter anderem einen als Schlechtester Film.

In der Tat kann nicht verleugnet werden, dass das Filmchen — ja, die Verniedlichungsform ist hier angebracht — im Grunde nichts weiter ist als eine Melange aus »Pretty Woman« (Regie: Garry Marshall), »Nine 1/2 Weeks« (Regie: Adrian Lyne) und einer x-beliebigen Seifenoper à la »Verbotene Liebe«. Jungfräulich-naive Studentin, die sich gerne lasziv auf die Unterlippe beißt (Dakota Johnson), trifft auf aalglatten Milliardär mit Popoverkloppe-Fetisch (Jamie Dornan). Ein bisschen Venus in Furs, aber mit einem Mann als Wanda. Dooferweise ist der Milliardär nicht nur ein bisschen (sehr) sadistisch, sondern auch beziehungsgestört, so dass die Studentin nicht nur physisch ganz schön was mitzumachen hat. In einer der possierlichsten Szenen des Films zeigt der Sado-Milliardär seiner potentiellen Maso-Flamme seinen playroom, und sie fragt: »Like your Xbox and stuff?« — Die blauen Flecken auf dem Po werden sicherlich heilen, das steht außer Frage. Die eigentliche Frage, die das Filmchen stellt, lautet: Wird es die naive Studentin schaffen, den abgefuckten Milliardär zu bekehren und/oder zu halten? Das Ende wird cliffhangermäßig offengelassen, damit das geneigte Publikum die Fortsetzungen auch noch guckt.

Eigentlich gibt es gar nicht so viel über »Fifty Shades of Grey« zu schreiben. Es ist unterhaltsamer, sich die vielen Verrisse all der Rezensenten durchzulesen, die das Filmchen tatsächlich ernst nahmen und schimpften. So schrieb beispielsweise die »FAZ« betont humorvoll: »Dieser Unfug tut weh, fesselt aber kein bisschen«, während Simone Horst von »epd Film« sich gar nicht mehr bremsen konnte und in ihrer Tirade monierte, dass der Film auf sexuelle Ängste infolge des gesellschaftlichen Drucks lediglich mit »einer visuellen Kitsch- und Konsumorgie« antworte, mit »einer ikonografischen Rückzugsschlacht, die jede auch nur halbwegs experimentelle Regung im Keim« ersticke. Und Sigrid Fischer grummelte im WDR: »Clean, steril – wie im OP-Saal. […] Vollkommen lächerlich, dieser ganze Film. Unleidenschaft, wie man sie sich nur denken kann. […] Der ist so schlecht und billig, dass sogar der Verriss zu viel der Ehre ist für diesen Film.« — Dabei ist »Fifty Shades of Grey« formal gesehen wirklich gut. Sam Taylor-Johnsons Inszenierung ist auf der einen Seite behutsam, detailverliebt und beinahe pietätvoll, lässt andererseits jedoch genügend Humor erkennen, um das alberne S/M-Gewäsch erträglich und unterhaltsam zu machen. Man sieht jedem Bild die Sorgfalt in der Gestaltung an, jedes (von der Regisseurin persönlich ausgesuchte) Requisit hat seinen Platz. Die Farbdramaturgie ist exzellent, die Bilder sind fein arrangiert. Die Dynamik des Schnitts ist außergewöhnlich gut, und der Soundtrack bietet ein weitaus höheres Niveau, als es die Story verdient. Ein »sauberer« Film fürwahr. Vielleicht ist genau das sein Problem: Jamie Dornan, der melancholisch in sich gewandt am großen Flügel seines Luxusapartments sitzt, während Dakota Johnson wie in einem Werbespot in ein Laken gehüllt im Türrahmen steht, die Skyline von Seattle hinter den riesigen Panoramafenstern, das ist einfach zu viel des Schönen. Die Pseudo-Abgründe, die hinter der Fassade drämmeln, hätten Michael Fassbender in Shame lediglich ein müdes Grinsen entlockt. Obwohl auch hier die Drehbuchautorin Kelly Marcel bemüht ist, eine dysfunktionale Familie zu etablieren: Marcia Gay Harden tritt als Dornans Mutter auf, da weiß man sofort, dass da was nicht stimmen kann. Rita Ora und Luke Grimes spielen Dornans Geschwisterchen und versprühen auch nicht gerade gesellschaftsfähige Vibes. Die Fäden werden dummerweise aufgenommen und sofort — ungenutzt quasi — fallengelassen. Fade eigentlich.
Jamie Dornan musste für sein Spiel als sexuell verirrter Mr. Grey ordentlich Prügel einstecken. »Die Welt« lobte seine Kollegin Dakota Johnson, allerdings nicht ohne hinzuzufügen, dass ihre Stärke hauptsächlich an der »Leichenblässe« ihres Partners läge, dessen Popo »ausdruckstärker als sein Gesicht« sei. Es ist nicht zu leugnen, dass Dornan hier schrecklich unterfordert wirkt. Wer ihn in der TV-Serie »The Fall« gesehen hat, weiß, was der Mann schauspielerisch drauf hat. Dass sein Gesicht in »Fifty Shades of Grey« so eindimensional wirkt, ist der Rolle geschuldet und absolut passend. Dakota Johnson indes trägt das Filmchen spielerisch auf ihren hübschen Schultern. Sie ist mit ihrer Mischung aus Naivität und Klugheit so etwas wie eine postmoderne Marilyn Monroe. In schauspielerischer Hinsicht hat sie die Qualitäten ihrer Mutter, der traurig unterschätzten Melanie Griffith.

Witzigerweise dauerten die Dreharbeiten zu »Fifty Shades of Grey« exakt neuneinhalb Wochen. E. L. James, die schriftstellerisch unbeleckte Hausfrau, die die Vorlage zu verantworten hatte, beschwerte sich über den Mangel an Sex — die Sexszenen nehmen im Filmchen weniger als 20 Minuten ein — und wetterte so lange, bis für die Fortsetzungen ein neuer Regisseur an Bord geholt wurde. So wurden Teil 2 und 3 von James Foley übernommen, dessen berühmtester Film wohl »Who’s That Girl« (1987) mit Madonna gewesen sein dürfte. Mit anderen Worten: Wir Liebhaber von schlechten Filmen dürfen uns freuen.

André Schneider

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2 thoughts on “Filmtipp #483: Fifty Shades of Grey

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