7. Mai 2017

Gleich drei meiner Freunde gaben mir — unabhängig voneinander — zu verstehen, dass sie sich Sorgen um meine Gesundheit machen. Der verhasste »Burnout«-Begriff wurde in den Raum geworfen, und ich selbst fürchte, am 4. Mai die ersten Anzeichen eines sich androhenden Nervenzusammenbruchs erkannt zu haben. Die psychotischen Anfälle meines Chefs haben in den vergangenen Wochen jeden Rahmen gesprengt, fielen unkontrolliert über uns her. Über manch einen Ausspruch konnte man schmunzeln, weil er so absurd und kopfkrank war. Manch anderer ließ die Faust zucken. Zweimal schrie ich zurück und ärgerte mich, dass ich wegen dem Flachwichser Idioten ausfallend geworden war. Man sinkt ungern auf das Niveau einer schleimscheißenden Bambuskröte eines solchen Unmenschen herab. An besagtem 4. Mai hatte ich bereits meine Sachen gepackt, die Jacke übergeworfen und mündlich gekündigt, als er mir hinterherkam und die Tür zuhielt. Zitternd blieb ich noch bis etwa 23 Uhr; wieder einmal 13 Stunden, die ohne Pause durchgearbeitet und von Chef-üblichen Kommentaren wie »Hier ist einer blöder als der andere« begleitet wurden. Manchmal denke ich, die Mandanten sollten wissen, was wir uns tagtäglich bieten lassen müssen, dann wieder siegt die Vernunft und der Gedanke, dass das alles keine Zeile wert ist. Einer der »Anlässe« für das Ausflippen meines Chefs war, dass ich am 5. und 6. Mai zwei Tage frei genommen habe, das heißt: technisch gesehen hatte ich die Tage nur getauscht. Angemeldet hatte ich es schriftlich am 12. und am 23. März, er hatte es genehmigt, es war überall notiert. Als der Mai dann näherrückte, drehte er durch und lief verbal Amok. — Die Bewerbungen laufen, ich warte auf Rückmeldungen. Meine Kopfschmerzen versiegen kaum noch — nicht einmal mehr im Schlaf —, ich wache oft weinend auf, der Magen macht mir zu schaffen. Es ist besiegelt und nur noch eine Frage der Zeit, bis ich a) den Job wechsle oder b) zusammenbreche.

Vor dem Konzert…

Ian hatte mir zum Geburtstag eine Konzertkarte für Federico Albanese geschenkt, der in der Nacht vom 5. zum 6. Mai in der Emmaus-Kirche in Kreuzberg auftrat. Beginn: ein Uhr nachts. Da hätte ich am Freitag keine 14 Stunden im Büro ackern können, und am Samstag schon gar nicht. Ihr wisst, wie sehr ich Federico Albanese verehre. Überhaupt bin ich in den vergangenen Monaten und Jahren immer mehr in musikalische Gefilde gerutscht, in denen Gesang nicht vorkommt. Vielleicht liegt es daran, dass es immer wieder gute Texte und/oder gute Stimmen gibt, ich bin mir nicht sicher. Aber augenblicklich sind es Max Richter, Anna Morley, Masayoshi Fujita, Nils Frahm, Bruno Nicolai und eben Federico Albanese, die mich bewegen. Gut, ich will das hier nicht unnötig ausweiten, aber kurz ein paar Worte zum gestrigen Konzert. Zunächst einmal hätte ich nicht gedacht, dass die Emmaus-Kirche innen so schön ist und so viele Veranstaltungen anbietet. In der zweiten Reihe zu sitzen, keine sieben Meter vom Künstler entfernt, hatte auch seine Vorzüge. Ich mag es, wie sein Gesicht zuckt und »arbeitet«, während er spielt; diese Konzentration und Hingabe an seine Musik, dieser niedliche Wuschelkopf mit Vollbart, das schüchtern-kindliche Lächeln beim Applaus sowie die schöne, delikate Geste bei der Schlussverbeugung, wenn er die Hand aufs Herz legt. Die Lichtanlage untermalte das Zarte und Magische seiner Kompositionen. Die ungewöhnliche Uhrzeit, zu der das Ganze stattfand, tat das Ihrige: Das Publikum war zwar wach und aufnahmefähig, befand sich aber doch in einer Art Zwischenzustand. Um mich herum sah ich viele halb geschlossene Augen, die müde leuchteten. Dem Konzert haftete etwas Traumhaftes an, es hatte etwas von einem leichten Fieberdelirium, man schwamm auf den Lichtfarben und den Melodien wie in einer Zwischen- oder Halbwelt. Es war wirklich einmalig schön. Dadurch, dass ich etwas zu früh gekommen war, kam ich in den Genuss, die Zugaben der Musiker zu hören, die vor Federico Albanese auftraten: der Bassist Petros Klampanis, der Pianist Shai Maestro und der fabelhafte John Hadfield spielten Stücke von ihrem neuen Album »Chroma«, welches ich mir sofort blind kaufte. Überhaupt ist das X Jazz-Festival dieses Jahr ziemlich gut aufgestellt: Dieter Ilg, Martyn Hyene, Dillon, das Uri Gincel Trio, Aron Ottignon, André Vida und viele andere waren gebucht, das Funkhaus Berlin, der Flux Bau und das Monarch waren unter anderem die Auftrittsorte. Von dieser schönen Nacht werde ich bestimmt noch lange zehren; ich kann die neue Albanese-CD kaum erwarten.

…und nach dem Konzert.

Dass Le deuxième commencement fast fünf Jahre nach seiner Premiere noch einmal Wertschätzung erfahren würde, hätte ich nicht gedacht. Der Journalist und Essayist Philippe Ariño, der den Blog »L’Araignée du Désert« betreibt, hat unseren Film in mehr als drei Dutzend Beiträgen wissenschaftlich verwertet, Bilder analysiert, Dialoge zitiert. Ich fühlte mich ziemlich gebauchpinselt, als ich die Artikel las. Mein Erstaunen war groß, denn ich drehte den Film damals hauptsächlich, um einen »neuen Anfang« zu machen. Viel überlegt hatte ich gar nicht. Ich schrieb, inszenierte und spielte ganz instinktiv, aus dem Bauch heraus quasi. Dass das, was wir da taten, eines Tages seziert und intellektuell gedeutet werden würde, ist amüsant. — Ian stieß unlängst auf die (deutsche) Rezension eines 2016 entstandenen US-Films, der »Lazy Eye« (Regie: Tim Kirkman) heißt und (zumindest auf dem Papier) frappierende Parallelen zu Le deuxième commencement aufweist. Ich stelle die Inhaltsangaben mal gegenüber:

»Lazy Eye«: »Dean ist Ende 30 und hat sich als Grafikdesigner in einem überschaubaren Leben in Los Angeles eingerichtet. Bis er eines Tages eine Mail von Alex bekommt, mit dem er vor 15 Jahren in New York den besten Sommer seines Lebens hatte, an dessen Ende Alex aber plötzlich spurlos verschwunden war. Nach einigem Zögern lädt Dean seinen Ex-Freund nach Joshua Tree ein, wo er ein kleines Ferienhaus besitzt. Als sich die beiden wiederbegegnen, entflammt sofort die alte Leidenschaft. Aber mit der Vertrautheit kommen auch die Zweifel von früher — und die Fragen nach den vielen Jahren dazwischen. Wie hätte ihr Leben ausgesehen, wenn es damals anders gelaufen wäre? Am Ende des Wochenendes müssen Dean und Alex entscheiden, ob sie sich diesmal eine gemeinsame Zukunft geben.« (Quelle: loewenherz.at)

Le deuxième commencement: »Über zehn Jahre lang waren Laurent (ein Franzose) und André (ein Deutscher) ein Paar und lebten gemeinsam in Paris. Drei Jahre sind nun seit ihrer Trennung vergangen. André wohnt wieder in Berlin, wo er kleine Theaterstücke inszeniert, und Laurent ist inzwischen Ende 30, Hobbyfotograf und lebt weiterhin in Paris. Eines Abends klingelt Andrés Telefon: Laurent kündigt seinen Besuch an. Sofort macht sich ein mulmiges Gefühl breit. Als Laurent in Berlin ankommt, schaffen es die beiden zum ersten Mal wirklich, miteinander zu kommunizieren — und entdecken, dass ihre Leidenschaft füreinander alles andere als tot ist. Nach einem langen gemeinsamen Wochenende überlegen die beiden, es noch einmal miteinander zu versuchen.«

Die Macher von »Lazy Eye« haben auf meinen Brief bisher nicht geantwortet, und ich hatte auch noch keine Zeit, den Film in Gänze zu sehen; der Trailer sieht natürlich üppig aus, ordentlich budgetiert und formal überhaupt nicht mit unserem winzigen, unausgereiften Filmchen vergleichbar. Legal ist das mitnichten angreifbar; ich weiß nicht einmal, ob Tim Kirkman unseren Film überhaupt gesehen hat, und ich bin — im Gegensatz zu Ian — auch nicht wütend oder verletzt; ich halte es eher für einen schrägen Zufall — die soll’s ja geben! —, und wenn nicht, dann vielleicht für eine Art Hommage. In China heißt es sinngemäß: Ein Plagiat ist die höchste Anerkennung.
Alles, was ich heute noch schreiben könnte, wäre zu privat und zu wohl auch zu viel des Guten. Ab morgen versorge ich Euch wieder mit Filmtipps, die scheint Ihr in letzter Zeit gerne zu lesen. Habt einen angenehmen Sonn(en)tag und kommt munter in die neue Arbeitswoche.

André

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3 thoughts on “7. Mai 2017

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