Filmtipp #466: Wir

Wir

Originaltitel: Wir; Regie: Martin Gypkens; Drehbuch: Martin Gypkens; Kamera: Eeva Fleig [Eva Fleig]; Musik: Christian Conrad; Darsteller: Oliver Bokern, Jannek Petri, Knut Berger, Brigitte Hobmeier, Rike Schmid. Deutschland 2003.

wir

Florian (Bokern) ist Schreiner aus Aachen und strandet eines Tages am Berliner Ostbahnhof. Sein ehemals bester Freund Pit (Petri) ist bereits seit längerem in der Stadt und träumt von einer Karriere als Model. Bis der große Durchbruch kommt, jobbt Pit als Barkeeper. Die einst so starke Freundschaft zwischen den beiden ist abgekühlt und bei einem unangenehmen Fremdeln angelangt. (Was auch daran liegt, dass Pit früher in Florian verliebt war und um alles in der Welt verhindern möchte, dass dieser das erfährt.) Bei einer Party lernt Florian die chaotische Studentin Anke (Lilia Lehner) und deren Mitbewohnerin Judith (Karina Plachetka) kennen, die den Neuberliner in ihre WG aufnehmen. Während Anke sich nicht entscheiden kann, ob sie Soziologie, Psychologie, Philosophie oder doch »etwas Handfestes« wie Theaterwissenschaften studieren will und ohnehin eher Alkohol, Kippen und Feiern im Kopf hat, leidet Judith unter ihrer unerwiderten Liebe zu Carsten (Berger), einem bisexuellen Kokser, der wenig von Rücksichtnahme und Verantwortung hält. Carstens Schwester Käthe (Hobmeier) ist im Zwischenmenschlichen ebenso verkorkst wie ihr Bruder: Zwar reißt sie sich regelmäßig Typen auf und nimmt sie mit nach Hause, doch nach vollzogenem Koitus werden die Herren rausgeschmissen. Käthe züchtet Schmetterlinge und spielt Lotto, ist ansonsten aber kalt wie ein Fisch. Zum erweiterten Freundeskreis gehören auch Andreas (Patrick Güldenberg) und Till (Sebastian Reiß), die als Filmemacher in spe bereits seit Jahren an ihrem ersten Spielfilm arbeiten, sowie der schwermütige Micky (Sebastian Songin), mit dem eigentlich keiner wirklich etwas anfangen kann. Till ist seit vier Jahren mit der aparten Künstlerin Petronella (Schmid) zusammen — eine offenbar perfekte Beziehung, um die das Paar beneidet wird. Doch hinter der Fassade ist nichts mehr heil, so dass Petronella der Versuchung einer Affäre mit Florian sehr schnell nachgibt…

Der Titel »Wir« wurde nicht ohne Ironie gewählt, denn obwohl es in Martin Gypkens’ Debütfilm um eine Clique von Freunden geht, sucht man vergebens nach einem »Wir«. Die Protagonisten sind allesamt unsympathische Egoisten, deren freundschaftliche, amouröse oder berufliche Verflechtungen oberflächlich und erschreckend empathielos bleiben. Mit Scheuklappen lebt man aneinander vorbei und schert sich nur Vordergründig um das Wohl der vermeintlichen »Freunde«. Gypkens ist ein frappierend authentisches Berlin-Portrait des noch jungen Jahrtausends gelungen. Wir, die zwischen 1999 und 2002 in die Stadt kamen, kennen sie noch gut, diese Gespräche, diese Partys, dieses Flair, das Berlin damals hatte. Die Menschen in Gypkens’ Film hätte man allesamt im damaligen Friedrichshain aufgabeln können. Die Luft flirrte. Berlin war geil. Alles war preiswert, frisch und frei, lebendig und im Umbruch. Es wurden Weichen gestellt, die Stadt vibrierte, war hungrig, an allen Ecken brach Kreativität und Wildheit hervor. Man war hoffnungsvoll und — leider! — unverbindlich. Stellenweise evoziert »Wir« Erinnerungen an die besseren Werke Robert Altmans wie zum Beispiel »Short Cuts« (1993). Es gibt keine Handlung im eigentlichen Sinne, sondern ein gutes Dutzend mehr oder weniger gleichgewichtiger Hauptfiguren, die feingliedrig miteinander verknüpft sind. Am Ende führt das Schicksal alle Figuren zusammen; in »Short Cuts« war es ein Erdbeben, in »Wir« ist es ein Verkehrsunfall.
Die Kamerafrau Eeva Fleig arbeitete mit einer Handkamera. Man drehte auf Super 16 und blies dann den fertigen Film auf Cinemascope-Format auf. Visuell führte das zu einer gewagten und interessanten Körnigkeit, die gut zu diesem Berlin-Film passt. »Wir« ist ein Film, der komplett auf der privaten Ebene spielt. Gypkens schert sich nicht um politische Fragen oder »große« Zusammenhänge, sondern konzentriert sich auf das Gefühlschaos, das Lebensgefühl und das Milieu. Er bezieht niemals Stellung, sondern belässt es beim Portraitieren. Dabei gelingt ihm das große Kunststück, die ganzen Charaktere so individuell anzulegen und ihre vielzähligen Geschichten so geschickt miteinander zu verknüpfen, dass der Zuschauer nie den Überblick verliert. »Wir« lief auf diversen Festivals in Belgien, Tschechien, Norwegen und Deutschland und gewann unter anderem den renommierten Max Ophüls-Preis, war kommerziell allerdings kein großer Erfolg. Besonders lobend sei neben dem exzellenten Drehbuch der Schnitt (Karin Jacobs) und die Ensembleleistung der jungen Schauspieler zu erwähnen, die heute beinahe allesamt fest in der deutschen TV- und Theaterlandschaft etabliert sind, von Rüdiger Rudolph über Johannes Oliver Hamm bis hin zu Rike Schmid und Lars Löllmann. Songs gibt es unter anderem von 2Raumwohnung, Plastilina Mosh und den Turntable Rockern.
Leider fand ich kein Originalplakat in guter Auflösung, daher gibt es heute nur ein Szenenfoto.

André Schneider

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