19. April 2017

»Der Geschichtenerzähler« (Regie: Rainer Boldt) gab mir Rätsel auf und ließ mich unentschieden zurück. Christine hatte mir erzählt, dass ihr dieser Film unter all ihren Filmen der liebste gewesen sei, und unter diesem Gesichtspunkt hatte ich ihm besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Ich liebe Patricia Highsmith. »Tiefe Wasser« wird immer zu meinen Lieblingsbüchern gehörten, The Talented Mr. Ripley immer zu meinen Lieblingsfilmen. Selbstredend gab es auch schlechte Adaptionen, »The Two Faces of January« (Regie: Hossein Amini) oder »The Cry of the Owl« (Regie: Jamie Thraves) zum Beispiel. Im Vergleich dazu hob sich Boldts Verfilmung angenehm ab, und Christine hatte sichtlich Freude an ihrer Rolle, die um so vieles vielschichtiger angelegt war als das Gros, was sie bis dato zu spielen hatte. Trotzdem mochte ich den Film nicht, und ich kann das Warum nicht klar eruieren. Die Idee, den Highsmith-Roman in den Norden Deutschlands zu verlegen, fand ich gut. Der Kameramann Rolf Liccini hat die Geschichte in träumerisch-schönen Bildfolgen umgesetzt. Wenn ich herausgefunden habe, was genau mich störte, widme ich dem Film noch einen ausführlicheren Eintrag hier.

Wir haben Ostern entspannt und harmonisch verbracht: Brunch im Kalle Klein in der Harzer Straße, »Lommbock« (Regie: Christian Zübert) in einem meiner Lieblingskinos, der Passage in Neukölln, ausgedehnte Spaziergänge mit Chelito und gemütlichem Abendessen zu Hause. Von den strammen Arbeitstagen — am Samstag war ich erst gegen 23 Uhr aus dem Büro gekommen — war ich auch so geplättet, dass ein Mehr an Aktivität nicht tragbar gewesen wäre. Immerhin, das muss man positiv hervorheben, war der Chef genießbar und die elf Arbeitsstunden am Karfreitag werden mit einem Bonus abgerechnet. Das wechselhafte Wetter und starke Temperaturschwankungen walzen den Kreislauf nieder. — Während alles über die Türkei schimpft, die Konzentrationslager in Tschetschenien anprangert und »Beißreflexe« der queere Bestseller des Frühjahres wurde, denke ich nur daran, dass Spargelzeit ist, ich Lust auf Erdbeeren habe und ab dem 24. wieder regelmäßig schwimmen gehen werde. Wieso bin ich so leidenschaftslos geworden, wenn es ins Politische geht? Bin ich abgestumpft? Gleichgültig? Ignorant? Oder ist es einfach ein Schutzpanzer, weil mir die Enttäuschungen zu weh tun? Sie sind überall, lauern, schlagen zu, im Großen wie im Kleinen, in der Politik und im Privaten. Ein Freund schrieb kurz vor Ostern auf Facebook, sein Partner habe ihm zum elften Jahrestag eröffnet, dass er ihn schon seit acht Jahren nicht mehr liebe. Wenn ich das richtig verstanden habe, geschah dies via Chat. Kein persönliches Gespräch, kein Telefonat. Wenn ich so etwas lese, habe ich das Gefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen. Sibylle Berg meinte in einer ihrer Kolumnen mal, dass wir, die rund um 1980 geboren wurden, zur »Brückengeneration« gehören. Wir kennen noch die analoge Welt, das digitale Zeitalter begann erst, als wir 19, 20, 21 waren. Das ist Segen und Fluch. Wenn ich das Freundschafts- und Liebesverhalten meiner Mitmenschen studiere, halte ich es eher für einen Fluch. Wer in den 1990ern oder später geboren wurde, wird das alles als Selbstverständlichkeit mit auf den Weg kriegen und nicht mehr damit hadern.

Heute gehen wir in die Baumhaus Bar in der Falckensteinstraße zum Zentralkomitee Deluxe; mal schauen, was uns da erwartet. Bis dahin werde ich noch ein wenig schreiben — das Filmangebot aus Frankreich ist doch sehr, sehr verlockend — und gegen 18 Uhr das Abendessen vorbereiten. Morgen früh folge ich wieder dem Ruf der Kanzlei. Ich sehe jetzt schon, wie meine Motivation nackig mit einem Cocktail über die Wiese rennt und mir die Zunge herausstreckt.

André

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