Filmtipp #460: Rendezvous nach Ladenschluss

Rendezvous nach Ladenschluss

Originaltitel: The Shop Around the Corner; Regie: Ernst Lubitsch; Drehbuch: Samson Raphaelson; Kamera: William H. Daniels [William Daniels]; Musik: Werner R. Heymann; Darsteller: Margaret Sullavan, James Stewart, Frank Morgan, Joseph Schildkraut, Sara Haden. USA 1940.

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»Ich glaube, ich war in keiner romantischen Komödie besser als bei ›The Shop Around the Corner‹. Ich habe niemals wieder einen Film gemacht, in dem die Atmosphäre und die Charaktere so ehrlich waren wie hier«, schrieb Ernst Lubitsch an seinen Freund und späteren Biographen Herman G. Weinberg. Zeitlebens hielt der Altmeister diesen Film für seinen besten. Als der Film im Januar 1940 in New York seine Premiere feierte, klang sein Statement noch etwas bescheidener: »Es ist kein großer Film, nur eine ruhige kleine Geschichte, die ein wenig Charme zu haben schien. Er kostete nicht viel, wenn man die Besetzung bedenkt: unter 500.000 Dollar. Er war nach 28 Tagen abgedreht. Ich hoffe, er wird gefallen.«

Das Stück »Parfumerie« des Ungarn Nikolaus Laszlo (Orginaltitel: »Illatszertár«) war 1936 uraufgeführt worden und hatte sich zu einem kleinen Achtungserfolg entwickelt; Lubitsch kaufte die Rechte für nur 7.500 Dollar. Nachdem es ihn in seinen letzten Filmen meist in eigentümlich-abgehobene Gefilde verschlagen hatte, wollte Lubitsch hier einmal »das ganz normale Leben« zeigen. Die Protagonisten seiner anderen Werke waren Figuren gewesen, die es so eigentlich nur im Film hatte geben können: Greta Garbo als ideologietreue Kommunistin im Paris-Urlaub, Jack Benny als erklärter Anti-Faschist in der Theaterwelt, Marlene Dietrich in »Angel« (1936), Claudette Colbert als verarmte Adlige, Gary Cooper als heiratssüchtiger Millionär. In »The Shop Around the Corner« gibt uns Jimmy Stewart, der wohl unglamouröseste leading man seiner Zeit, einen ganz gewöhnlichen Verkäufer namens Alfred Kralik, der in dem adretten Budapester Geschäft von Hugo Matuschek (Morgan) arbeitet. Ein friedlich-unspektakulärer Job, möchte man meinen. Wäre da nicht die kiebige Verkäuferin Klara Novak (Sullavan), die Alfred immer wieder zielsicher in Schwierigkeiten bringt und ihm mit ihrer Patzigkeit auf die Nerven fällt. Kralik ahnt nicht, dass es sich bei Klara um seine Brieffreundin handelt, mit der er sich seit geraumer Zeit anonym schreibt und in die er heimlich verliebt ist, ohne sie jemals gesehen zu haben…
Man ahnt schon, wie es ausgeht: Just zu Weihnachten klärt sich der Sachverhalt auf, was Klara und Alfred das schönste Geschenk, das sie sich vorstellen können, beschert.

Getragen wird die rührend-romantische Salonkomödie von dem differenzierten Spiel aller Darsteller. Lubitsch gelang ein liebevolles Portrait aus dem Leben der kleinen Leute; das einzig Unglaubwürdige sind die (offenbar sehr preiswerten) Studiobauten, die das Budapester Stadtbild darstellen sollen. »The Shop Around the Corner« ist der zweite Teil von Lubitschs Europa-Trilogie: der Vorgänger — Ninotchka — spielte in Paris, der Nachfolger »To Be or Not to Be« in Warschau. Zuerst sollte Dolly Haas die Hauptrolle spielen, doch Lubitsch hatte bedenken, eine unbekannte Europäerin mit der Aufgabe, den Film auch kassenwirksam zu tragen, zu betrauen. Sullavan und Stewart indes hatten noch andere Vertragsverpflichtungen zu erfüllen, weshalb Lubitsch in der Zwischenzeit Ninotchka machte.
Erst 1947 erschien der Film auch in Deutschland. Die Tonqualität der überteuerten deutschen DVD ist eine Frechheit, weshalb ich empfehle, den Film als Import zu beziehen.

André Schneider

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