Filmtipp #457: Sweet Charity

Sweet Charity

Originaltitel: Sweet Charity; Regie & Choreographie: Bob Fosse; Drehbuch: Peter Stone; Kamera: Robert Surtees; Musik: Cy Coleman; Darsteller: Shirley MacLaine, John McMartin, Ricardo Montalban, Sammy Davis Jr., Chita Rivera. USA 1969.

sweet charity

Federico Fellini hatte 1957 mit »Le Notti di Cabiria« einen internationalen Hit für sich und seine Gattin Giulietta Masina geschaffen, das u. a. mit dem Oscar als Bester fremdsprachiger Film bedacht wurde. Darin ging es um eine Straßendirne aus Rom, die an das Gute und Reine in den Menschen glaubt und trotz immer neuer Enttäuschungen durch die Männer ihr Lächeln nie verliert. Kein Geringerer als Neil Simon adaptierte das Drehbuch für den Broadway. Aus der Hure Cabiria wurde das Tanzmädchen Charity, das schon seit acht Jahren in einem Amüsierlokal für Geld mit fremden Herren tanzt, sich aber sein reines Herz bewahrt hat. Unbeirrbar glaubt sie an die Güte der Menschen und wird wohl auch deshalb immer wieder von Männern ausgenutzt. Ihre Freundinnen halten sie für naiv und unbelehrbar. Sie gerät an einen italienischen Filmstar, der seine Bekanntschaft mit ihr allerdings zum Anlass nimmt, sich wieder mit seiner Ex zu versöhnen, und an einen biederen Versicherungsvertreter namens Oscar, der sich zwar in sie verliebt und ihr auch einen Antrag macht, sie allerdings im Standesamt sitzenlässt, als er von ihrem bewegten Vorleben erfährt. Auch nach diesen schmerzhaften Pannen bleibt Charitys Gemüt auf der Sonnenseite: Sie erkennt, dass ihr immer noch alle Chancen des Lebens offenstehen und ist fest entschlossen, diese zu ergreifen. Die Songs stammten von Cy Coleman und Dorothy Fields, die Broadway-Regie und Choreographie übernahm Bob Fosse, der das Projekt auch initiiert hatte. Seine Gattin Gwen Verdon glänzte in der komplexen Hauptrolle, das Stück wurde ab Januar 1966 ein Bombenerfolg in New York und im Folgejahr auch im West End.

Als Shirley MacLaine den Zuschlag für die Hauptrolle in der Filmversion erhielt, setzte sie bei Universal durch, dass Bob Fosse als Regisseur unter Vertrag genommen wurde. Dieser lieferte mit diesem Film sein gefeiertes Kinodebüt ab. Besonders die typische Fosse-Choreographie, die ausgefeilte Farbdramaturgie, die Kostüme und der Schnitt machen »Sweet Charity« trotz seiner Lauflänge von über zweieinhalb Stunden zu einem kurzweiligen Erlebnis. Meine persönliche Lieblingsnummer ist die von Sammy Davis Jr.: »The Rhythm of Life«. Aber auch die berühmtesten Songs, »Big Spender«, »If My Friends Could See Me Now« und »There’s Gotta Be Something Better Than This«, sind mitreißend in Szene gesetzt. Ein tänzerisches Highlight ist »Rich Man’s Frug«; hier kann man schon einige Tanzschritte aus späteren Fosse-Choreographien wie beispielsweise »Chicago« (1974) erkennen. Darstellerisch ist »Sweet Charity« allererste Sahne. MacLaine kann sich tänzerisch und schauspielerisch voll entfalten; Charity war und blieb eine ihrer Lieblingsrollen. Chita Rivera und Paula Kelly sind erstklassig. John McMartin, der bereits am Broadway den Oscar gegeben hatte, bleibt im Verhältnis ein wenig blass, dafür ist Ricardo Montalban als eitler Filmstar unschlagbar. In weiteren Nebenrollen sind Stubby Kaye, Barbara Bouchet und Bud Cort mit von der Partie.
»Sweet Charity« konnte zwar drei Oscarnominierungen und eine Golden Globe-Nominierung für sich verbuchen, schnitt an der Kinokasse jedoch nicht ganz so gut ab, wie man es sich bei Universal erhofft hatte. Das revolutionäre, mehr dem Zeitgeist entsprechende New Hollywood hatte sich mit Kassenknüllern wie »Bonnie and Clyde« (Regie: Arthur Penn) bereits etabliert, und die Leute hatten einfach kein Interesse mehr an dem doch recht realitätsfernen Muscial-Genre. Dabei hatte sich Bob Fosse redlich bemüht, die gängige Rezeptur aufzupeppen und die Lebenswirklichkeit der ausgehenden 1960er mit reichlich flower power und Hippies mit einzubinden. Von den famosen Schnitten, den knalligen Farben in Breitwand und den 13 vibrierend-heißen Nummern kann man einfach nicht genug bekommen. »Sweet Charity« verfügt anno 2017 darüber hinaus noch über einen nostalgischen Wert, den man nicht unterschätzen sollte. Auch für Musical-Muffel ein absolut geiler Wochenend-Film!

André Schneider

Advertisements

8 thoughts on “Filmtipp #457: Sweet Charity

  1. Pingback: June 1, 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  2. Pingback: Filmtipp #521: Das Mädchen aus der Cherry-Bar | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  3. Pingback: Filmtipp #522 bis #533: Die besten Almodóvar-Filme | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  4. Pingback: Filmtipp #535: Picknick im Pyjama | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  5. Pingback: Filmtipp #545: Die rote Dame | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  6. Pingback: Filmtipp #551: Lenny | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  7. Pingback: Filmtipp #554: Der schwarze Leib der Tarantel | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  8. Pingback: Filmtipp #561: La La Land | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s