Filmtipp #453: Hello, My Name is Doris

Hello, Ny Name is Doris

Originaltitel: Hello, My Name is Doris; Regie: Michael Showalter; Drehbuch: Michael Showalter, Laura Terruso; Kamera: Brian Burgoyne; Musik: Brian H. Kim; Darsteller: Sally Field, Max Greenfield, Tyne Daly, Peter Gallagher, Natasha Lyonne. USA 2015.

Hello my name is doris

Doris Miller (Field) hat die 60 schon weit hinter sich. Sie lebt in einem schrullig-schnuckeligen Haus auf Staten Island, wo sie den Großteil der letzten 40 Jahre damit zubrachte, ihre kranke Mutter zu pflegen. Tagtäglich pendelt sie mit der Fähre nach Manhattan, wo sie als Schreibkraft in einem Großraumbüro nahezu unbemerkt vor sich hinarbeitet. Nach dem Tode ihrer Mutter scheint es Zeit für eine Veränderung. Diese begegnet Doris in der Person ihres smarten neuen Kollegen John (Greenfield), der nicht einmal halb so alt wie sie ist und die schüchterne alte Dame bestenfalls »nett« findet. Beflügelt von einem Selbsthilfe-Seminar von Willy Williams (Gallagher), nimmt Doris all ihren Mut zusammen, um Johns Herz zu erobern. Ihre beste Freundin Roz (Daly) beobachtet Doris’ Lebenswandel mit Sorge, während Roz’ 13jährige Enkelin Vivian (Isabella Acres) sie mit nützlichen Tipps versorgt, damit die Sache in Schwung kommt. So besucht Doris hippe Konzerte in Williamsburg, trägt knallige Neonfarben und gehört bald zu Johns elitär-coolem Freundeskreis. Für Doris beginnt ein neues Leben — nur hat dieses leider kein Fundament und zudem wenig mit ihrem wahren Ich zu tun, wie sie bald schmerzhaft erfahren muss…

Die liebevoll geschriebene Geschichte mit vielen possierlichen und witzigen Momenten hat einen tieftraurigen Kern und lebt ganz von Sally Fields Spiel. Sie spielte hier nach gut 20 Jahren ihre erste Kinohauptrolle und verpasste ihrer Karriere mit Souveränität und Herz ein spätes Glanzlicht. Ihr zur Seite stellte man Max Greenfield, der kurz vor der Premiere des Films 35 Jahre alt wurde, während Field ihren 70. feierte. Die Chemie zwischen den beiden funkelt und glitzert wie ein kleines Feuerwerk; es ist eine Freude, den beiden zuzusehen, und man hat viele »Ochgottinee, wie süß ist das denn?!«-Momente. In Nebenrollen überzeugen Natasha Lyonne, Kumail Nanjiani und vor allem Tyne Daly, die wir noch als Mary Beth Lacey aus »Cagney & Lacey« kennen. Die Szenen zwischen ihr und Field sind einfach phänomenal in ihrer knorrigen Herzlichkeit: verbaler Schlagabtausch, Umarmungen, Tränen und Lachanfälle im Wechsel. »Hello, My Name is Doris« wurde mit einem shoestring budget von kaum einer Million US-Dollar in nur 24 Drehtagen realisiert; drei Tage filmte man in New York die Außenaufnahmen, der Rest wurde in drei Wochen in Los Angeles abgedreht.
Nach seiner Weltpremiere am 14. März 2015 hatte der Film zunächst wenig Glück. Er lief auf kleinen bis mittelgroßen Festivals, erhielt freundliche, aber nicht überschwänglich gute Kritiken und wurde bereits drei Wochen nach seinem Kinostart am 1. April 2016 auf DVD herausgebracht. Immerhin konnte er so rund 14 Millionen Dollar einspielen, was angesichts seiner geringen Kosten einem Riesenerfolg gleichkam. Joe Leydon pries in seiner Kritik für »Variety« die insbesondere die Leistung der Hauptdarstellerin: »Sally Field keeps the movie on an even keel, for the most part, with an adroit and disciplined lead performance that generates both laughter and sympathy, with relatively few yanks on the heartstrings. Audiences of a certain age might respond warmly, provided they are stoked by savvy marketing and favorable word of mouth.« — Ian und ich waren sofort hin und weg von dieser herzerwärmenden Geschichte über Freundschaft, Liebe und Selbstfindung; nach langer Zeit endlich einmal wieder ein Wohlfühlfilm ohne falsche Sentimentalität. Für uns war es der schönste Film des letzten Jahres. In Deutschland erschien er im Oktober 2016 mit dem etwas bescheuerten Titelzusatz »Älterwerden für Fortgeschrittene« ziemlich lieblos auf DVD und schlug beileibe nicht die Wellen, die er verdient hätte, so dass »Hello, My Name is Doris« wohl ein Geheimtipp bleiben dürfte.

André Schneider

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  1. Pingback: 1. März 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

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