Filmtipp #450: Flüsternde Wände

Flüsternde Wände

Originaltitel: The Whisperers; Regie: Brian Forbes; Drehbuch: Bryan Forbes; Kamera: Gerry Turpin; Musik: John Barry; Darsteller: Edith Evans, Eric Portman, Nanette Newman, Ronald Fraser, Gerald Sim. GB 1967.

The Whisperers (1966)

Ein deprimierender Film, der es schafft, anrührend zu sein, ohne ins Sentimentale abzugleiten. Bryan Forbes, der zeitlebens unterschätzte Regisseur von Séance on a Wet Afternoon und anderen Meilensteinen dieser Couleur, stellte einmal mehr sein Können als Autor und Schauspielerinnen-Regisseur unter Beweis und erzählt in klaren, dunklen Bildern die Geschichte von Mrs. Ross (Evans), einer älteren Frau im Norden Englands, die einsam und verlassen in ihrer heruntergekommenen Wohnung dem Wahnsinn anheim fällt: Tagein, tagaus lauscht sie den flüsternden Wänden — Heizungsrohre, Wassertropfen, Geräusche aus den anderen Wohnungen über und neben ihr. Manchmal unterhält sie sich auch mit ihren Wänden. Wenn sie ihre trostlose Behausung kurz verlässt, dann ist sie entweder in der Suppenküche der Wohlfahrt oder in der Bücherei. Sie lebt von einer kleinen gesetzlichen Rente, die sie als Darlehen ansieht, bis ihre lang erwartete Erbschaft eintrifft. Ihr Mann Archie (Portman) ist schon lange auf und davon, und ihr Sohn Charlie (Fraser) ist kriminell. Bei einem Besuch deponiert er ein Päckchen mit Diebesgut — 800 Pfund — im Schrank seiner Mutter. Als diese es findet und öffnet, erzählt sie unvorsichtigerweise bei der Wohlfahrt davon. Mrs. Noonan (Avis Bunnage) sediert die verwirrte alte Frau, raubt sie aus und lässt sie in einer Gasse zurück, wo sie schließlich gefunden und ins Hospital gebracht wird; durch die Kälte ist Mrs. Ross an einer schweren Lungenentzündung erkrankt. Nun schaltet sich die Stadtverwaltung ein und überlegt, was das Beste für Mrs. Ross ist. Man macht ihren Mann ausfindig und überzeugt ihn, wieder bei ihr einzuziehen. Doch die beiden haben sich zu sehr entfremdet und können nicht mehr an ihr altes Leben anknüpfen…

Forbes inszeniert formal sehr konventionell und schnörkellos, entlockt jedoch Edith Evans eine Glanzleistung, die nicht genug gewürdigt werden kann. Die damals 78jährige Schauspielerin erhielt für »The Whisperers« nicht nur ihre dritte Oscarnominierung, sondern auch einen Golden Globe, den Goldenen Bären, den BAFTA sowie drei weitere Filmpreise diverser Kritikervereinigungen. Ein weiterer BAFTA ging an den Kameramann Gerry Turpin für seine kontraststarken Schwarzweißbilder. Gedreht wurde in Manchester und in den altehrwürdigen Pinewood Studios. Die Sozialkritik kommt stellenweise etwas zu energisch rüber, was angesichts der ansonsten bemerkenswert stillen und unaufdringlichen, beinahe diskreten Inszenierung ziemlich stark ins Gewicht fällt. Die traurige Schilderung der Einsamkeit älterer Menschen in einer kontaktarmen Umwelt lockte Ende der Sechziger nicht unbedingt viele Zuschauer in die Kinos, sprach die Kritiker aber durchaus an. Ein wichtiger und überraschend spannender Film — einige Rezensenten sahen ihn sogar als psychologischen Thriller —, der eigentlich nur eine Schwachstelle hat: Forbes-Gattin Nanette Newman, die von ihrem Ehemann in praktisch jedem Film eingesetzt und ihren schauspielerischen Aufgaben nur sehr, sehr selten gerecht wurde.

André Schneider

Artwork von Ingo Teichmann.

Artwork von Ingo Teichmann.

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