8. Februar 2017

Eine faire Bezahlung, gute Arbeitszeiten und vor allem ein kurzer Arbeitsweg verlockten mich zu einer Bewerbung. Das für vorgestern anberaumte Vorstellungsgespräch verschaffte mir eine tagelange positive Anspannung. Am Montag hatte ich mir früh den Wecker gestellt, um mich noch gepflegt zu rasieren, mir die besten Klamotten herauszusuchen, die Schuhe ordentlich zu putzen und noch einen Tee zu trinken, bevor ich mich aufs Fahrrad gen Lichtenberg schwang. Ich war auch überpünktlich da. Nur die Personalchefin, die mich einbestellt hatte, nicht. Die hatte mich schlichtweg vergessen und sich, wie mir ihr Vorgesetzter bedauernd mitteilte, einen Tag Urlaub genommen. Er entschuldigte sich vielmals in ihrem Namen und versprach, dass sie sich wegen eines neuen Termins bei mir melden würde. Darauf warte ich immer noch. Der leichte Höhenflug der vorhergehenden Tage endete jäh und mit einem depressiv-resignierten Gefühl. Vollumfänglich niedergeschmettert. Morgen schon muss ich wieder in die Kanzlei. Der Kampf um meine mir zustehenden Resturlaubstage und meine Zuschläge für die Sonntagsarbeit vergangene Woche hat mir kräftemäßig ganz schön zugesetzt, aber sich letztendlich doch gelohnt. Abgesehen von drei Arbeitstagen werde ich der Kanzlei den ganzen März über fernbleiben können.
Vorige Woche waren Ian, der mir gerade unheimlich den Rücken stärkt, und ich bei Guru, das seit langem eines meiner Lieblingsgeschäfte ist. Ein bisschen das, was Tiffany’s für Holly Golightly ist. Wenn ich mich bei Guru umschaue, überkommt mich das Gefühl, dass die Welt gar kein so schlimmer Ort sein kann. So hübsche Kinkerlitzchen, Kommoden, Klamotten und Kissen, Gardinen, Lampions und Stühle, alles so gut arrangiert, so warme, weiche Farben, ein gemütlicher, inspirierender Ort. Ich könnte stundenlang dort stöbern und tue es viel zu selten. (Wie ich auch mein anderes Berliner Lieblingsgeschäft, das Le Flo, mittlerweile kaum noch besuche; ich bin so gut wie nie in der Gegend.) Ian kaufte mir drei wunderschöne Lampen für Flur und Schlafzimmer, die ein gedämpft-augenfreundliches Licht werfen. — Gestern, am Dienstag, kamen meine Schwester und mein Vater, um mit mir die letzten Reparaturen (Steckdose im Flur, Licht in der Dusche) zu tätigen und die Lampen in Flur und Küche aufzuhängen. Anschließend aßen wir noch im T.viet in der Elsenstraße, und dann fuhren sie auch schon wieder ab. Sie waren gerade mal vier Stunden hier und hinterließen, obwohl wir eine schöne Zeit miteinander verbracht hatten, ein schales, einsames Gefühl. Meine Wohnung ist praktisch »fertig«, trägt meine Züge und gibt der Gemütlichkeit Raum — wirklich schön. Aber gerade diese Woche fühle ich mich platt und leer und sonderbar traurig. Dabei fehlt es eigentlich nicht an Positivem, ich muss nur meinen Fokus ändern. Der Nachbar links von mir schenkte mir eine Packung Kaffee und vegane Hundecracker für Chelito als Entschuldigung für sein gelegentliches Brüllen. (Er leidet an einer Aggressionsstörung, die sich zeitweise in lautem Fluchen und Schreien entlädt. Ian meinte, es handele sich um eine Variante des Tourette-Syndroms.) Das fand ich wirklich lieb, ich meine, er ist ja schließlich nicht dazu verpflichtet, und ich bin auch mal laut, wenn ich zum Beispiel (schief) mitsinge, wenn eine meiner Lieblings-CDs läuft. Dann schickte mir Jo van Nelsen sein neues Hörbuch: »Die Schlangendame«, ein frivoler Roman aus dem Jahre 1896 von Otto Julius Bierbaum. Eine fabelhafte Lesung, sehr zu empfehlen. Nicht nur hat Jo eine wunderbare Erzählerstimme, der Roman an und für sich ist auch prima geschrieben, sehr kokett, sehr charmant. Von Donna bekam ich »The Best Awful« (Carrie Fisher) geschenkt, auf dessen Lektüre ich mich riesig freue. Mit Ian guckte ich mir am Montag »Topkapi« (Regie: Jules Dassin) an und war wieder einmal begeistert von der phänomenalen Einbruchssequenz und Peter Ustinov. Bislang habe ich acht Zu- und drei Absagen für meine Geburtstagsfeier im März gesammelt.

Die neue Ziegenlederlampe im Flur.

Die neue Ziegenlederlampe im Flur.

Seit Gabriel weg und Martin Schulz da ist, steigt die SPD wieder in der Wählergunst. Schulz ist sympathischer als Gabriel, was wahrlich keine Kunst ist, aber ich traue dem Braten nicht. Dazu ist zu viel geschehen. SPD, das heißt links blinken und rechts abbiegen. Ein Glück, dass mein geliebter Opi, ein lebenslanger aufrechter Sozialdemokrat, das, was die Partei seit 1998 verbrochen hat, nicht mehr miterleben musste. Vermutlich hätten ihn die Wut und die Scham ins Grab gebracht.
Einen fröhlichen Mittwoch Euch allen; wenn Euch das trübe Wetter zusetzt, denkt einfach daran, dass der Frühling schnellen Schritts im Anmarsch ist.

André

Advertisements

One thought on “8. Februar 2017

  1. Pingback: Filmtipp #548: Tammy | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s