31. Januar 2017

Man schlägt die Zeitung auf: Trump. Man macht den Fernseher an: Trump. Man loggt sich ins Netz ein: Trump. Der Mann ist überall. Ich traue mich mittlerweile nicht einmal mehr, den Kühlschrank zu öffnen. — Es ist natürlich prekär, überhaupt etwas zu schreiben, immerhin ist Donald Trump ein demokratisch gewählter Präsident. Dass die USA dieses merkwürdige System haben, ist im Grunde genommen ihr Problem. Dass es nur zwei Optionen geben soll, ist für uns hier schwer akzeptierbar, und auch diese massive Spaltung des Volkes, die neuesten Untersuchungen zufolge noch radikaler sein soll als der grassierende Rassismus, ist uns gottlob noch fremd. »Der Spiegel« brachte zu diesem Thema jüngst einen aufschlussreichen und angenehm neutral gehaltenen Bericht. — Das irre Tempo, mit dem Trump seine Entscheidungen unter Dach und Fach bringt, könnte man als manisch bezeichnen. Immerhin kann man ihm nicht vorwerfen, dass er seine Wahlversprechen brechen würde. Die Sache mit den geschlossenen Grenzen wurde anno 2001 allerdings bereits einmal erfolglos von George W. Bush in Angriff genommen. Das war nach dem 11. September. Nach nur wenigen Tagen kontaktierten die US-amerikanischen Autohersteller die Regierung und bettelten regelrecht darum, die Grenzen wieder zu öffnen: Sie hatten die Produktion einstellen müssen, weil ihnen zum Autobau wichtige Teile fehlten, die sie aus dem Ausland bezogen. Ich weiß nicht, ob vorausschauendes Handeln im Repertoire des neuen Präsidenten verankert ist, aber ich bezweifle es. Die (völlig sinnlose) Mauer wird den Steuerzahler teuer zu stehen kommen; 40 Milliarden Dollar soll das wahnwitzige Projekt vorsichtig geschätzt kosten. Noch so ein grotesker Witz ist das Einreiseverbot. Welches übrigens nicht für muslimische Länder geht, in denen Trump Golfplätze oder Immobilien besitzt: Ägypten, Saudi-Arabien und die Türkei sind von seiner Willkür nicht betroffen. Ich lasse das einfach mal so stehen. Bis 2021 haben wir das hyperaktive Walross den Präsidenten Trump nun an der Backe. Ignorieren wird nicht funktionieren. Protest ist auch nicht hilfreich. Arrangieren? Geht eigentlich nicht. Die Geschehnisse in den Vereinigten Staaten werfen lange Schatten voraus und geben einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns in der zweiten Jahreshälfte hier in Europa blühen wird. Theresa May, Marine Le Pen und Frauke Petry trainieren schon für ihre künftige Laufbahn als Trump-Zäpfchen. (Was zumindest Petrys Frisur endlich erklärt.) Dass die Rechtspopulisten an die Regierung kommen werden, ist nicht mehr abwendbar. Der Zug ist abgefahren. Wie damit umzugehen ist? Keine Ahnung — wirklich nicht, das ist keine Ausrede. Wir leben in Zeiten, in denen virtuelle Realitäten Menschen groß machen. So groß, dass sie ohne Ausbildung oder jedwede politische Erfahrung ins weltweit mächtigste Amt beordert werden können. Sollten Außerirdische dies irgendwo mitansehen, sie glauben vermutlich, es sei absurdes Theater. Was würde Ionesco zu Trump sagen, was Sartre? — Dank »Wishful Drinking« eröffnen sich mir neue Perspektiven. Das Buch lehrt mich, andere Blickwinkel zuzulassen. Zum Beispiel den gravierenden Unterschied zwischen einem problem und einer inconvenience klar zu erkennen. Empirisch gesehen sind die meisten »Probleme« eigentlich nur »Unannehmlichkeiten«, deren Proportionen wir ungebührlich stark wahrnehmen. Lamentieren ist unsexy, und wenn wir unsere Lebensumstände mal genauer beäugen, gibt es nur wenig zu beanstanden — oder? Das Buch ist so witzig geschrieben, dass ich zuweilen in der S-Bahn laut auflache. Auch eine Art, Blicke auf sich zu ziehen.

wishful-drinking

Jetzt, wo die kommenden Filmprojekte wackeln, überlege ich, wieder mehr zu schreiben. Spüre da auch eine gewisse Ruhe, die mich überkommt. Was heute nicht gelingt, verschiebe ich eben auf morgen. Mein Ehrgeiz ist nicht mehr hungrig. Momentan. Ich möchte nur regelmäßig schwimmen, Zeit für mich haben und das schwarze Loch, welches das Weihnachtsfest in mein Konto gerissen hat, wieder auffüllen. Deswegen ging ich auch vorgestern, am Sonntag, für sechs Stunden ins Büro und hoffe, dass mein Chef mir den versprochenen Aufschlag zahlt. (Er hält sich leider nur sporadisch an Abmachungen.) Diese Woche schicke ich die Einladungen heraus für meine Geburtstagsfeier im März. Handgeschrieben, ganz anachronistisch, classy. Wünsche mir eigentlich nur Geld (für meine Zeit in Paris), die »Sleep«-CD von Max Richter, ein oder zwei Alben von Brad Mehldau, die Marnie-Filmanalyse vom BFI und vielleicht eine DVD. — Am Sonntag kommen mich meine Eltern besuchen. Haben sie jedenfalls versprochen. Wir wollen endlich die Lampen in Flur und Küche befestigen. Quasi der letzte Feinschliff. Immerhin wohne ich jetzt seit mehr als zwei Jahren in dieser Wohnung. Am 14. Januar habe ich somit den Turnus der vergangenen Jahre durchbrochen. 2010 musste ich die Friedelstraße verlassen, dann kam das Jahr in der Lüderitzstraße, dann 2011 bis November 2012 die wohnungslose Zeit, dann die zwei Jahre mit Thorsten im Prenzlauer Berg, jetzt Alt-Treptow. Das alles hat der arme Chelito tapfer mitgemacht. Gut, man kann nicht sagen, dass er eine Wahl gehabt hätte, aber die meisten anderen Hunde wären viel, viel wehleidiger gewesen. Bootsmann hätte einen Koller gekriegt.
Nun denn, ich miste weiterhin Schubladen und Regale aus, um Platz zu schaffen. Ballast abwerfen tut gut. Davon bleibt auch der Rechner nicht verschont. Beim Aussortieren stolpere ich immer wieder über alte Fotos, die ich schon vergessen hatte. Dieses hier hatte Stefan Preuhs 2007 oder 2008 von mir gemacht:

Mit 29 oder 30...

Mit 29 oder 30…

Und damit entlasse ich Euch in den Februar. Bleibt mir bitte weiterhin gewogen; ich möchte diese Beiträge nicht in einen leeren Raum schicken. Liebe Grüße,

André

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6 thoughts on “31. Januar 2017

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