5. Januar 2017

Lorez Alexandria singt gerade »I’m Through With Love« für mich; es handelt sich um die zeitlos schöne 1964 in Los Angeles entstandene Aufnahme, die ich alle Jubeljahre mal wieder hervorkrame, wenn ich Hausputz mache. Den erledige ich gerade nur nebenbei, das Schreiben ist heute eine genehme Form der Prokrastination. Meine Wohnräume verkleinerten sich seit 2010 mehr und mehr, und je weniger Platz ich an Quadratmetern habe, desto mehr Arbeit scheine ich zu haben. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich beim Hausputz auch die Regale aus- und nach dem Staubwischen wieder einräume, die Schubladen auswische und neu einsortiere und auch hinter den Heizkörpern und auf den Schränken saubermache. Was ich tue, tue ich gründlich.
Neuerdings bin ich sonntags bis mittwochs wieder im Schwimmbad und ziehe meine Bahnen, 45 bis 60 Minuten, danach noch zehn Minuten im Wellenbad. Schwimmen ist der einzige Sport, der mir Spaß macht und bei dem ich eine Konsequenz entwickle. Das hat seine Ursprünge in meiner Kindheit. DLRG Harsum, strammes Training jeden Freitag von 17 bis 19 Uhr. Bis 1993 war ich mit dabei, dann zogen wir um. Aber die Liebe zum Schwimmen ist bis heute geblieben. Der Geruch von Chlor, das Brennen in den Augen, der Spannungsschmerz in Arm- und Brustmuskulatur, das alles ist Zuhause, ist schön. Das Tollste aber ist diese angenehme, wohlige Müdigkeit hinterher. Wenn man nach dem Training in ein neu bezogenes, frisch duftendes Bett steigen und acht Stunden durchschlafen kann. — Ich sollte wieder mehr an Sex denken. Seit Oktober 2015 kam das nicht mehr vor. Verzeihung, wenn das jetzt zu privat ist. In »Der Mann schläft« formulierte Sibylle Berg einen ganz wunderbaren Satz, der mein Gefühl treffend er- und umfasst: »Erstaunlich, wie falsch ich mit all meinen Vorstellungen gelegen hatte. Dass man die tiefe Ruhe, nicht mehr als Sexualobjekt zur Verfügung stehen zu müssen, irgendwann genießt, war mir nicht klar gewesen.« Mir fehlt Sex mitnichten, im Gegenteil. Es gibt auch keinen Reiz. Im Schwimmbad sah ich am Dienstag einen fast unwirklich schönen Mann. Lächerlich schön. Beneidenswert. Eine absolut geile Brustbehaarung, breite Schultern, ein wunderschöner Rücken mit genau der richtigen Tätowierung in genau der richtigen Größe an genau der richtigen Stelle (linkes Schulterblatt). Ein smartes Lächeln, gute Zähne, ein gut gepflegter Siebentagebart, lockige, etwas längere Haare, vorteilhaft angelegte Wangenknochen und warm strahlende, mädchenhaft bewimperte Augen. Er brachte einem Freund das Kraulen bei. Einerseits konnte ich nicht anders, als ihn anzusehen, andererseits regte sich nichts bei mir. Außer vielleicht kurzzeitiger Neid. Es dauerte einige Minuten, bis ich erkannte, was mich an seiner Erscheinung störte: Es war erstens seine quäkige Stimme, zweitens seine Attitüde. Er legte seinem Freund gegenüber jene triumphierend-überlegene Haltung an den Tag, die ich immer schon verabscheut habe. All die Attribute, die ihn zu einem perfekten Fotomodell mit massenhaft sexueller Projektionsfläche gemacht hätten, waren null und nichtig, sobald man einige Minuten lang sein Verhalten studiert hatte. Ich fühlte mich unweigerlich an diesen Dreh vor einigen Jahren erinnert, als ein Kollege — attraktiv, strohdumm und von einer jede Schmerzgrenze überschreitenden Überheblichkeit — sich kurz vor dem »Bitte!« des Regisseurs zu mir herüberbeugte und sagte: »Am besten, du spielst mit dem Rücken zur Kamera, dann sieht wenigstens niemand, wie Scheiße du bist.« Ich sagte damals nichts, ich war zu sehr mit meiner Arbeit beschäftigt und damit, mir nicht anmerken zu lassen, wie tief die Giftpfeile dieses Menschen mich getroffen hatten. Nun, arrogante Schönlinge waren nie mein Fall, aber seit diesem grauenvollen Hochsommer damals sind sie mir regelrecht ein Dorn im Auge. Ich glaube, ich glotzte den schönen Schwimmer am Dienstag irgendwann mit einer Mischung aus Bewunderung — er kraulte wirklich hervorragend —, Abscheu und, na ja, Mitleid an. Gibt es eine unerotischere Kombination? Wohl kaum. Aber ich wollte jetzt gar nicht in solch eine Negativität abschweifen. Immerhin startete 2017 ungewöhnlich gut. Zwar musste ich am 31. Dezember noch bis etwa 20 Uhr arbeiten und kam deswegen unrasiert und in Bürokleidung zur Verabredung, aber es wurde ein spaßiger Abend mit Raclette und lebendigen Gesprächen. (Also nicht wie das von Patrick Salmen beschriebene Raclette-Essen!) Normalerweise verabscheue ich Silvester. Nicht so sehr den Jahreswechsel an und für sich, aber die Böller, das Geknalle, diese unnütze Verschwendung von Geld und Ressourcen, den Dreck, der noch tagelang die Gehwege und Straßen verschmutzt, die Glasscherben überall, das Grölen der Besoffenen und so weiter. Die schönsten Silvesterabende der vergangenen Jahre verbrachte ich allein mit Chelito zu Hause. Insofern war das Hinüberfeiern von 2016 zu 2017 etwas Besonderes. Ian trug den Schottenrock, den ich ihm zu Nikolaus geschenkt hatte, und sah zuckersüß aus.
Mittlerweile habe ich die CD gewechselt, jetzt singt Jay-Jay Johanson. Die Nachrichten der ersten Januarwoche habe ich ganz bewusst ausgeblendet, die letzten Dezemberwochen reichten mir völlig. Blissful ignorance nennt man das heutzutage. Juli Zeh empfahl das in einem »Stern«-Interview. Man muss mal abschalten, sonst ist die Nachrichten-Flutwelle einfach zu wuchtig und zermalmt einen. In diesem Sinne, alles Gute für das Neue!

André

Advertisements

4 thoughts on “5. Januar 2017

  1. Pingback: 10. Januar 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  2. Pingback: 25. Januar 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  3. Pingback: 31. Januar 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  4. Pingback: 19. April 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s