Filmtipp #428: Das Parfüm der Dame in Schwarz

Das Parfüm der Dame in Schwarz

Originaltitel: Il profumo della signora in nero; Regie: Francesco Barilli; Drehbuch: Francesco Barilli, Massimo D’Avak; Kamera: Mario Masini; Musik: Nicola Piovani; Darsteller: Mimsy Farmer, Maurizio Bonuglia, Mario Scaccia, Jho Jhenkins, Lara Wendel [Daniela Barnes]. Italien 1974.

il profumo della signora in nero

»Il profumo della signora in nero« war für mich eine der Entdeckungen des Jahres 2016. Der Film ließ meine alte Liebe zum Giallo wieder aufflammen — obwohl »Il profumo della signora in nero« eigentlich eher die Kriterien eines Horrorfilms erfüllt und das Subgenre des Giallos höchstens streift. Zuweilen werden Erinnerungen an Polanski wach: Repulsion, »Rosemary’s Baby« (1968), »Le locataire« (1976). Dead of Summer stand vielleicht auch Pate. »Il profumo della signora in nero« fokussiert sich auf die schleichend-beklemmende Paranoia, die hinterrücks über eine labile Frau hereinbricht. Aussichtslos, seiner Angst zu entkommen, sie spürt einen überall auf, auch in den eigenen vier Wänden. Diese Erfahrung macht Silvia Hacherman, die von der stets etwas kränklich und blass wirkenden Mimsy Farmer verkörpert wird. Wie Catherine Deneuve in Repulsion wirkt Silvia nach außen hin aufgeräumt und trotz ihrer Zierlichkeit »gesund«. Sie ist Chemikerin, wohnt in einem schicken Apartment mitten in Rom und ist erst seit kurzem mit dem Geschäftsmann Roberto (Bonuglia) zusammen. In ihrem Job ist sie erfolgreich, die Arbeit erledigt sie praktisch nebenbei; sie und Roberto genießen vornehmlich das Leben in der Schickeria, Tennis spielen oder sich mit reichen Freunden zu Soiréen auf deren üppig begrünten Dachterrassen treffen. Dennoch ist Silvia irgendwie mulmig zumute. Etwas stimmt nicht und verstört sie zunehmend. Da ist etwas in Schräglage — sie sieht plötzlich Menschen, die sofort wieder verschwunden sind. Sie fühlt sich beobachtet. Die Menschen um sie herum — Nachbarn, Verkäuferinnen, Fremde — verhalten sich sonderbar. In einem Sessel sitzt eine bezirzend lächelnde, schwarz gekleidete Frau und parfümiert sich, und immer wieder begegnet Silvia dieses unheimliche Mädchen (Wendel), das ihr offenbar etwas sagen will. Ist Silvia überarbeitet? Ist sie paranoid? Will sie gar jemand in den Wahnsinn treiben? Im Strudel der Ereignisse kommt Silvia der Antwort gefährlich nahe — und die ist schrecklicher als alles, was sie angenommen hatte…

Barillis feiner Schocker lebt von seinen Wendungen, daher sollte an dieser Stelle nicht mehr verraten werden. Der vor allem als Dokumentarfilmer bekannte Barilli drehte außer »Il profumo della signora in nero« nur noch einen weiteren Spielfilm, den 1977 entstandenen »Pensione paura« mit Luc Merenda, Francisco Rabal und Máximo Valverde. Sein Erstlingswerk ist in jeder Hinsicht ausgereift und herrlich durchgestaltet. Schon das Drehbuch bedient sich freimütig bei Lewis Carroll und seinen Büchern »Alice im Wunderland« und »Alice hinter den Spiegeln«. Auch in »Il profumo della signora in nero« geht es um die Welt hinter den Spiegeln, ein Paralleluniversum, in welchem Traum und Realität verschwimmen zu einer neuen Ebene, die von der »echten Welt« nicht mehr zu unterscheiden ist. Francesco Barilli gestaltet Silvias Abdriften in äußerst geschickten Sequenzen, in denen jedes einzelne Bild perfekt durchkomponiert ist. Immer wieder werden Spiegel und Spiegelbilder als Leitmotive etabliert. Die Szene, in der Silvia bei einer Séance mitmacht, ist ein Paradebeispiel für Barillis genial-einfache Kreativität. Dem Zuschauer bietet er in dieser Bilderfolge die Chance, das Geschehen durch Silvias Augen zu betrachten und Teil der Szenerie zu werden. Ihre Überforderung wird auch ohne Mimsy Farmers Spiel — sie bleibt wie üblich eher neutral und eignet sich dadurch umso mehr als Projektionsfläche — spürbar. Der Zuschauer wandelt gemeinsam mit Silvia zwischen den Welten. Das, was wir im Spiegel sehen, ist Teil einer anderen Welt. Einer unheimlichen, undurchschaubaren, feindlichen Welt voller Rätsel und Geheimnisse. Bald schon werden ganz normale Dinge furchterregend, alltägliche Situationen scheinen uns Vorboten des Bösen zu sein. Groß- und Detailaufnahmen, die in kurzen, prägnanten Zwischenschnitten auf uns einprasseln, fungieren als die für einen Horrorthriller unerlässliche Schockmomente. Mehr braucht Barilli nicht.
Die Farbdramaturgie von »Il profumo della signora in nero« kann man einfach nur grandios nennen. Das hat beinahe etwas von 10:30 P.M. Summer oder von Mario Bavas Sei donne per l’assassino. Bei Barilli sind die Farben dominant, die Bilder weiden sich förmlich an intensiven Primärfarben, die den Zuschauer fast schon gewaltsam in ihren Bann ziehen. Gerade Blau kann eine überwältigende Wirkung haben. Die roten Blutstropfen auf den weißen Slippern von Silvias Nachbarn haben einen beinahe stechenden Effekt, das gelblich gehaltene Treppenhaus evoziert mit seinen elegant-gruseligen Verschlingungen Erinnerungen an »Vertigo« (Regie: Alfred Hitchcock). Barillis Farbrausch ruft uns auch Amer ins Gedächtnis, in welchem ebenfalls mit Farben gespielt wird; in Amer allerdings verzichtet das Regie-Duo auf eine Handlung und verlässt sich auf die Überreizung durch das delirierende Farbenspiel, das durchaus auch einen regelrechten Rausch erzeugen kann.
Die Kameraarbeit von Mario Masini ist allererste Sahne. Schon die Kamerafahrt ganz am Anfang, die mit einem kleinen Schwenk über einen malerischen Brunnen vor einer Hausfassade beginnt, verschlägt einem den Atem. Im Laufe dieser Fahrt, welche durchaus mit der Anfangssequenz von »Rosemary’s Baby« vergleichbar ist, werden gleich zwei Schlüsselfiguren des Films etabliert. Silvia hat durchaus Züge von Mia Farrows Rosemary. Da ist ihre Schüchternheit, eine vage Unsicherheit, die Flucht in Tagträume, die beiden Frauen zu eigen ist. Hier wie dort wird der Zuschauer von einem geschickten Regisseur in die Psyche einer verstörten/verstörenden Frau geführt. Es ist wie eine Reise. In beiden Filmen werden wir mit beunruhigenden Fragen konfrontiert, deren Lösungen nicht greifbar zu sein scheinen. Beim zwei- oder dreimaligem Anschauen stellt man jedoch fest, dass sowohl Polanski als auch Barilli immer wieder und ganz subtil Informationen und Hinweise streuen, damit wir, die gebannten Zuschauer, das Mosaik selbst zusammensetzen können.

Etwa 40 Jahre lang war »Il profumo della signora in nero« in der Versenkung verschwunden und ziemlich schwer zu beschaffen. Seine Seltenheit machte aus ihm einen Kultfilm. Im deutschsprachigen Raum war diese Perle bis 2016 nicht gelaufen, dann erschien eine frisch synchronisierte und liebevoll ausgestattete DVD (und BluRay), die jeden Cent wert ist und hiermit jedem Cineasten dringend empfohlen wird.

André Schneider

Advertisements

One thought on “Filmtipp #428: Das Parfüm der Dame in Schwarz

  1. Pingback: Filmtipp #485: Francesca | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s