Filmtipp #427: La comunidad – Allein unter Nachbarn

La comunidad — Allein unter Nachbarn

Originaltitel: La comunidad; Regie: Álex de la Iglesia; Drehbuch: Álex de la Iglesia, Jorge Guerricaechevarría [Jorge Guerricaecheverria]; Kamera: Kiko de la Rica; Musik: Roque Baños; Darsteller: Carmen Maura, Eduardo Antuña, Jesús Bonilla, María Asquerino, Sancho Gracia. Spanien 2000.

la comunidad

Álex de la Iglesia — es besteht keine Verwandtschaft mit Eloy de la Iglesia! — beweist in seinem (bis heute) wohl besten Film, dass er gut bei Hitchcock und Polanski aufgepasst hat. In »La comunidad« mixt der junge Filmemacher skurrile Morbidität, schwarzen Humor und Spannung zu einem schmackhaften Cocktail: Almodóvars einstige Muse Carmen Maura gibt uns eine schlitzohrige Immobilienmaklerin namens Julia — schöne, treffende Dialogzeile im Film: »Ich halte nichts von Maklern. Kriegen viel Geld und tun gar nichts!« —, die mit der Aufgabe betraut wird, in der Carrera de San Jerónimo ein nobles Apartment an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Julia ist eine gewitzte Frau, die jedoch mit einem arbeitslosen und frustrierten Gatten geschlagen ist und in ihrem Job nur mäßig Erfolg hat. Niemand, der die Wohnung in dem großen, düsteren Altbau besichtigt, hat wirkliches Interesse. Um abends nicht in ihre eigene, schmuddelige Wohnung zurück zu müssen, lädt sie ihren Mann ein, um verbotenerweise die Nacht in der eleganten, schick eingerichteten Wohnung zu verbringen. Als das Paar es sich gerade im Wasserbett gemütlich machen will, regnen aus einem Riss in der Decke Kakerlaken auf das Bett herab, und kurz darauf muss die Feuerwehr die Wohnung über ihnen gewaltsam öffnen. Diese ist komplett zugemüllt und verwahrlost, und im Wohnzimmersessel liegt die Leiche eines alten Mannes, der schon seit Wochen tot sein muss. Die übrigen Hausbewohner beobachten argwöhnisch, wie die Leiche abtransportiert wird und versuchen, sich an den Feuerwehrmännern vorbei in die Wohnung des Alten zu drängeln. Als dem Toten beim Abtransport die Brieftasche aus der Tasche fällt, schnappt sich Julia diese im Affekt und findet darin eine Art Schatzkarte. Später in der Nacht schleicht sie sich noch einmal in die Wohnung des Toten und findet 300 Millionen Peseten in bar — die Lösung all ihrer Probleme. Sie verstaut die Kohle in Tüten und will das Haus verlassen. Damit hat sie jedoch die Rechnung ohne die Hausbewohner gemacht. Der erschrockenen Julia wird klar, dass jeder von dem Geld weiß und niemand die Absicht hat, sie damit abziehen zu lassen. Man ist bewaffnet und kennt in seiner Gier keine Skrupel. Bald schon gibt es die ersten Toten. Kurz vor seinem grausigen Ende erklärt Emilio (Emilio Gutiérrez Caba), einer der Nachbarn, Julia den Hintergrund der Geschichte: Der alte Mann hatte aufgrund eines Tipps von ihm das Geld beim Toto gewonnen und war nicht bereit, das Geld mit der Hausgemeinschaft zu teilen. Seither wurde seine Wohnung rund um die Uhr von den Nachbarn überwacht, und der alte Mann konnte sie aus Angst nicht mehr verlassen. Für Julia, die nicht daran denkt, den Schatz aus der Hand zu geben, beginnt ein Kampf auf Leben und Tod…

Das Finale über den Dächern Madrids ist geradezu spektakulär! Álex de la Iglesia verwob filmhistorische Zitate und sein persönliches Faible für schräge Mordlust zu einer spannenden Parabel darüber, was unstillbare Gier aus Menschen macht. Neben dem perfekt ausgesuchten Drehort ist hier die Besetzung Dreh- und Angelpunkt. De la Iglesias »schillerndes Panoptikum der schrillen Typen« (»kino.de«) hebt sich erfrischend ab von dem US-amerikanischen Einheitsbrei aus Kataloggesichtern und eindimensionalen Charakteren. So wunderbar »La comunidad« auch bis in die Nebenrollen besetzt ist, so ist es doch Carmen Maura, die den Laden schmeißt. Die damals 55jährige ist richtigerweise eine der größten Filmschauspielerinnen ihres Landes. Für »La comunidad« wurde sie sowohl in San Sebastián als auch mit dem Goya als Beste Schauspielerin ausgezeichnet. Darüber hinaus gewann der Film zwei Goyas für Emilio Gutiérrez Caba und die besten Spezialeffekte und wurde in 13 weiteren Kategorien (!) nominiert. Auch ansonsten regnete es geradezu Auszeichnungen, insgesamt rund 20. Darüber hinaus war »La comunidad« die erfolgreichste spanische Kinoproduktion des Jahres 2000.

André Schneider

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2 thoughts on “Filmtipp #427: La comunidad – Allein unter Nachbarn

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