Filmtipp #415: Dispara!

Dispara!

Originaltitel: ¡Dispara!; Regie: Carlos Saura; Drehbuch: Enzo Monteleone, Carlos Saura; Kamera: Javier Aguirresarobe; Musik: Alberto Iglesias; Darsteller: Francesca Neri, Antonio Banderas, Eulàlia Ramon [Lali Ramón], Walter Vidarte, Achero Mañas. Spanien 1993.

dispara

Anfang der 1990er hatte sich Carlos Saura längst dem kommerziellen Kino zugewandt. »¡Dispara!« (zu Deutsch: »Schieß!«), ein an sich typischer Rache-Thriller, ist aufgrund seiner gut geschriebenen und brillant gespielten weiblichen Hauptrolle ein sehenswerter Streifen geworden, der es allerdings nicht mit Sauras Klassikern wie Cría cuervos… oder Ana y los lobos aufnehmen kann.

Antonio Banderas, damals gerade mit einem Bein in Hollywood angekommen, gibt uns Marco, einen Journalisten, dem die undankbare Aufgabe zuteil wird, einen kleinen Füllartikel für die Sonntagsausgabe seiner Zeitung zu verfassen. Dafür recherchiert er in einem gastierenden Zirkus und interviewt die ebenso hübsche wie schlagfertige Ana (Neri), ihres Zeichens eine Kunstschützin und Reiterin. Marco verliebt sich in die aufregende Schönheit, die Humor, Herzensgüte und Stärke in sich vereint, und verbringt eine Nacht mit ihr. Kurz darauf muss er zu Recherchezwecken nach Barcelona reisen. Während seiner Abwesenheit geschieht etwas Grauenvolles: Es klopft spätabends an der Türe zu Anas Wohnwagen. In dem Glauben, dass Marco schon wieder zurück ist, öffnet diese nichtsahnend drei betrunkenen Kerlen, die sie brutal überfallen, vergewaltigen und misshandeln. Als die Verbrecher verschwunden sind und Ana wieder bei Kräften ist, greift diese zu ihrer Waffe und macht sich auf die Suche nach ihren Peinigern…

Das Gemeine oder auch Gelungene an »¡Dispara!« ist sein Aufbau. In der ersten halben Stunde lernen wir Ana kennen und lieben: eine feinfühlige, lebenslustige, sinnliche und lustige Frau, wie es sie im Kino so nur selten zu sehen gibt. Der Film beginnt betulich als Liebesgeschichte, die durch die drastische Vergewaltigungsszene nach der ersten Hälfte aufgebrochen und zur Tragödie wird, deren trauriger Ausgang unausweichlich ist. Von Rachedurst getrieben, verstrickt sich Ana mehr und mehr in einem Spinnennetz der Gewalt. Schonungslos zeigt »¡Dispara!«, wie ein Vorfall ein Leben komplett zerbröseln lassen kann und wie eine Gewalttat die nächste provoziert. Dabei zieht das Tempo im letzten Drittel ordentlich an, so dass der Film streckenweise missverständlicherweise als Actionfilm gehandelt wurde. Das trostlos-aussichtslose Ende zeigt, wie die einst starke Frau völlig zerbricht — und mit ihr auch ihre Liebe. Francesca Neri spielt unfassbar gut, ist als Ana stark und schwach, heroisch und unmenschlich zugleich. Die Lorbeeren kassierte seinerzeit allerdings Antonio Banderas, der als Liebender zwar gut besetzt ist, aber letztlich nur »schmückendes Beiwerk« bleibt.

André Schneider

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