Filmtipp #413 & #414: …gefrühstückt wird zu Hause & Das Schlafzimmer ist nebenan

Sandra Dee war ein Opfer sowohl ihrer ehrgeizigen Mutter als auch der Traumfabrik. Die 1942 geborene Tochter russisch-orthodoxer Eltern wurde schon als Kleinkind von ihrer Mutter vermarktet und auf eine Karriere im Showbiz »vorbereitet«. Als sie 1957 bei Universal unter Vertrag genommen und ihr Name zu »Dee« verkürzt wurde, hatte sie bereits eine zehnjährige Karriere als Kindermodel hinter sich und schon in unzähligen TV-Werbespots gespielt. Der rührige Kitsch-Produzent Ross Hunter (Pillow Talk, Midnight Lace, Thoroughly Modern Millie) nahm das Mädchen unter seine Fittiche und baute sie zum Teenie-Star auf. So spielte sie in »Imitation of Life« (Regie: Douglas Sirk) neben Lana Turner, in drolligen Komödien wie »Gidget« (Regie: Paul Wendkos) und hatte Partner wie Rex Harrison, Peter Ustinov, Troy Donahue, James Darren oder Cliff Robertson an ihrer Seite. Während der Dreharbeiten zu »Come September« (Regie: Robert Mulligan) mit Rock Hudson und Gina Lollobrigida traf sie 1960 den erfolgreichen Schmusesänger, Komponisten und Schauspieler Bobby Darin und heiratete ihn kurz darauf. Im Dezember 1961 wurde ihr gemeinsamer Sohn geboren. Universal schlachtete die Liebesgeschichte des jungen Paares — Dee war noch nicht 20, Darin knapp 26 — aus, indem man die beiden in einige für sie maßgeschneiderte Komödien, die nicht von ungefähr an die Doris Day/Rock Hudson-Vehikel erinnerten, packte und zum neuen Traumpaar deklarierte. Die Filme des Ehepaares Dee/Darin waren seicht, aber gut bekömmlich und kommerziell ein gutes Konzept für das Studio. Doch leider entfremdete sich das junge Paar schon rasch: 1967 waren die beiden geschieden. Sandra Dees Karriere war im Prinzip vorbei; zwar drehte sie bis 1971 noch regelmäßig, aber ihre Filme wurden immer zweitklassiger und floppten ausnahmslos. Bobby Darin starb 1973 im Alter von nur 37 Jahren an den Folgen einer Herz-OP. Auch Sandra Dee wurde nicht alt. Seit Kindertagen litt die fragile Schauspielerin an Anorexie. Als sie nach ihrem Karriere-Aus anfing zu trinken und sich ihre Depressionen verschlechterten, zeigte sich, dass die Essstörungen zu einer Niereninsuffizienz geführt hatten. Sie starb 2005 im Alter von gerade einmal 62 Jahren an akutem Nierenversagen.

…gefrühstückt wird zu Hause

Originaltitel: If a Man Answers; Regie: Henry Levin; Drehbuch: Richard Morris; Kamera: Russell Metty; Musik: Hans J. Salter; Darsteller: Sandra Dee, Bobby Darin, Micheline Presle, John Lund, Stefanie Powers. USA 1962.

if a man answers

In dieser farbenfrohen Ross Hunter-Komödie unter der Regie des routinierten Henry Levin wird ein bisschen zu sehr mit den Klischees von sündigen Pariserinnen und steifen Bostonern jongliert, aber dennoch ist ein sehr possierlicher Film daraus geworden, das mit einer Riege von herrlich aufspielenden Nebendarstellern aufwartet: Micheline Presle (The Prize), John Lund (A Foreign Affair) und Cesar Romero (der spätere Joker aus der »Batman«-Fernsehserie) liefern einen witzigen Kontrast zu der turbulent plätschernden Romanze des Ehepaares Dee/Darin.

Chantal (Dee) ist die Tochter einer Französin (Presle) und eines Amerikaners (Lund) und ist sich ihrer Gefühle den Jungs gegenüber so unsicher, dass sie sich gleich mit mehreren parallel trifft. Da ihr puritanischer Vater darauf besteht, dass das Töchterchen brav und sesshaft wird, nimmt sie gleich drei Heiratsanträge an. In Boston dürfte ihr Ruf dahin sein, aber Väterchen verschlägt es beruflich nach New York, und so gibt es für Chantal eine zweite Chance. Schon bald lernt sie den Fotografen Eugene Wright (Darin) kennen, der sie als Model engagieren möchte. Es dauert nicht lange, bis das Knistern anfängt. Dummerweise hält Eugene nichts von der Ehe und möchte lieber wie bisher bindungs- und komplikationslos durchs Leben stromern. Da kommt die französische Mama ins Spiel, die Chantal immer wieder in Liebesangelegenheiten berät. Das führt im weiteren Handlungsverlauf noch zu einigen Komplikationen…

Das Schlafzimmer ist nebenan

Originaltitel: That Funny Feeling; Regie: Richard Thorpe; Drehbuch: David R. Schwartz; Kamera: Clifford Stine; Musik: Bobby Darin; Darsteller: Sandra Dee, Bobby Darin, Donald O’Connor, Nita Talbot, Larry Storch. USA 1965.

that funny feeling

Mein Lieblingsfilm des Gespanns Dee/Darin ist diese heitere, erstaunlich gut gealterte sexless sex comedy, die einige ziemlich freche Dialoge zu bieten hat (»I’ll tell you what. You take me to your apartment and I’ll show you what I can do with a vacuum cleaner.«) und mit einer Leichtigkeit und Detailverliebtheit sondergleichen inszeniert wurde. Ursprünglich war Gene Kelly als Regisseur vorgesehen, doch in letzter Sekunde sprang Richard Thorpe ein, der hier seinen vorletzten Beitrag fürs Kino ablieferte und dessen Filmographie damals schon stolze 184 Werke umfasste.

Bobby Darin, der auch für den schmissigen Soundtrack verantwortlich zeichnete, bekam den Zuschlag auf die begehrte Hauptrolle erst, als Warren Beatty abgesprungen war. Er gibt uns Tom Milford, einen erfolgreichen Verlagsmitarbeiter, der ein ziemliches Lotterleben führt. Die Dee spielt Joan Howell, eine erfolglose Schauspielerin, die sich als Putzfrau über Wasser hält. Tom und Joan stoßen auf der Straße mehrfach zusammen. Nach dem dritten Zusammenprall führt Tom die Schöne zum Essen aus. Da sie sich für ihr bescheidenes Heim, das sie sich mit ihrer Freundin Audrey (Nita Talbot ist grandios!) teilen muss, schämt, lädt Joan ihn im Anschluss ans Essen in das luxuriöse Aparment eines ihrer Kunden ein und behauptet, es sei das Ihrige. Da sie ihren Auftraggeber noch nie in persona getroffen hat, kann sie nicht wissen, dass es sich um Toms Wohnung handelt. Dieser ist verständlicherweise geschockt, möchte aber sehen, wie weit Joan mit ihrer Geschichte gehen will…

Es wimmelt nur so von blitzgescheiten Einfällen und liebenswert überzeichneten Charakteren. So ist Larry Storch (Wild and Wonderful) als Joans und Audreys schlagkräftiger Nachbar Luther mit von der Partie, und auch der schrullige Leo G. Carroll (Strangers on a Train) gibt sich ein Stelldichein als irischer Pfandhausbesitzer. Robert Strauss und Ben Lessy sind zum Schreien komisch als Barkeeper, die sich die vermeintlich versauten Gespräche von Joan und Tom allabendlich anhören müssen (oder dürfen). Wer Pillow Talk, Good Neighbor Sam oder Boys’ Night Out kennt und mag, liegt mit »That Funny Feeling« goldrichtig — obwohl natürlich alles ein wenig vorhersehbar ist.

André Schneider

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