1. Oktober 2016

Willkommen zurück!
Ich habe es lange nicht mehr getan, aber Ende Mai sprang mir ein wirklich superbes Interview entgegen, das ich an dieser Stelle gerne mit Euch teilen würde. Es ist hochinteressant und gibt einen guten Überblick darüber, was im bundesdeutschen Kulturbetrieb so los ist.
Liebe Grüße, es ist schön, wieder zu bloggen,

André

Mit 100.000 Euro zum Wunschfilm
Bericht von Frédéric Jaeger, Spiegel Online, 27. Mai 2016.

Keine Förderung, kein Filmpreis: Gegen alle Regeln der deutschen Kinobranche hat Regisseur AKIZ seinen Horrorfilm »Der Nachtmahr« gedreht. Ein Gespräch über Selbstausbeutung und neue deutsche Fantastik.

SPIEGEL ONLINE: »Der Nachtmahr« ist ohne öffentliche Mittel entstanden. Das ist in Deutschland sehr selten. Vor allem weil der Film, in dem ein Monster ins Leben eines Teenagers tritt, nicht ganz unaufwendig war. Wie haben Sie das gemacht?

AKIZ: Einen solchen Film zu produzieren, das geht nur zusammen mit Leuten, die genauso dran glauben und Spaß haben wie man selbst. Es gab keine Unterstützung durch TV-Sender oder Förderung, stattdessen haben die zwei Produktionsfirmen Entwicklungsmittel reingepumpt, und ein Verleih hat sich mit 30.000 Euro beteiligt. Zusammen lag unser Budget bei etwa 86.000 Euro, ausgegeben haben wir sogar knapp 100.000.

SPIEGEL ONLINE: Und beinahe wäre der Film nur auf DVD erschienen?

AKIZ: Das Geld des Verleihs war nicht ganz unverfänglich. Als der Film fertig war, wollte der Verleih ihn direkt auf DVD herausbringen. Vertraglich hätte er das auch gedurft. Das wollten wir nicht hinnehmen. Denn es kann nicht sein, dass ich 13 oder 14 Jahre für einen Film kämpfe wie ein Irrer, damit er nur im DVD-Regal landet. Und wir hatten alle das Gefühl, der hat eine Chance verdient im Kino. Der Verleih, ich nenne nicht den Namen, war sehr fair und hat uns erlaubt, den Film rauszukaufen, sodass er jetzt von einem anderen Verleih ins Kino gebracht wird.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Produzenten sind für den Film ins private Risiko gegangen. Denn amortisieren können sich solche Investitionen in deutsche Kinofilme in aller Regel nicht, oder?

AKIZ: Wenn wir ehrlich sind, hat keiner erwartet, dass er sein Geld zurückkriegt. Ob man mir das glaubt oder nicht, der Film ist genauso geworden, wie ich ihn gern sehen möchte. Wir kriegen das ja mit: Der Film ist zwei Mal um den Planeten gereist, und die Leute freuen sich überall, dass der Film so ist, wie er ist, so sperrig, so anders und sich nicht unbedingt in ein Genre pressen lässt. Aber für die deutsche Kinobranche gilt das noch lange nicht.

SPIEGEL ONLINE: Müsste es nicht gerade für solche Filme Förderung geben?

AKIZ: Ich will nicht jammern. Ich sehe mich als Künstler und bin der Meinung, dass man als Künstler keinen Anspruch auf Förderung hat. Es ist nicht wie in der Schule oder mit Eltern, wo einem jemand von oben die Erlaubnis gibt, auf eine Party zu gehen oder raus zum Spielen. Wenn du als Künstler auf eine Erlaubnis wartest, dann brauchst du gar nicht erst anzufangen. Und ein Film ist, auch wenn er teuer ist, ein Kunstwerk. Deswegen ist auch niemand außer mir dafür verantwortlich, dass ich meine Filme machen kann. Gleichzeitig ist man nach einer Weile schon frustriert. Es gibt in vielen Kunstbereichen ernst zu nehmende Künstler aus Deutschland. Im Film aber ist es ganz bieder.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Filme zu formatiert?

AKIZ: Man hat die freie Wahl: Entweder man macht eine Komödie oder einen Kinderfilm oder ein Sozialdrama. Und das Sozialdrama gilt schon als Avantgarde. Dann kann man sich entscheiden, entweder macht man Vergangenheitsbewältigung, Ost-West oder Drittes Reich, oder man bezieht sich auf die Gegenwart, dann bitteschön Migrationshintergrund oder Nazis. Das kann doch nicht alles sein!

SPIEGEL ONLINE: Was ist »Der Nachtmahr«?

AKIZ: Das war die Schwierigkeit bei der Produktion des Films. Auch heute kann ich den Film nicht in einem Genre platzieren. Ich finde aber auch nicht, dass man das muss. Eigentlich ist das eh anachronistisch. Was ist »Breaking Bad« für ein Genre? Oder »The Revenant«? »Under the Skin« ist einer der tollsten Filme der letzten Jahre, lässt sich auch nicht kategorisieren. Im Ausland ist das mit den Genrebezeichnungen eigentlich vorbei. Das war mal ein Marketingtool, früher im Filmclub hat man den »neuen Liebesfilm« oder den »neuen Abenteuerfilm« gezeigt, aber das gibt es heute gar nicht mehr. Wenn, dann nimmt man immer mehrere Genres und kombiniert sie.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie zu Förderern gegangen sind, hatten Sie schon das titelgebende Monster gestaltet und hatten Entwürfe dabei und ein Drehbuch. Was hat man Ihnen da gesagt?

AKIZ: Ich habe vor allem Produktionsfirmen abgeklappert, Förderungen lehnen einfach ohne Begründung ab. Von Produzenten hieß es: »Das ist nicht am Puls der Zeit.« Ständig ging es um das Genre und um »den Zuschauer«. »Wenn ich schon Schwierigkeiten hab, dann wird der Zuschauer erst recht nicht mitkommen.« Ich finde es unglaublich schwierig, über den Zuschauer zu sprechen. Er wird als Instanz betrachtet, dabei wissen die Produzenten gar nicht, wen sie damit meinen.

SPIEGEL ONLINE: Also geht es um frühere Erfolge, die man kopieren will.

AKIZ: Man soll immer Referenzen vorweisen: Eine Männer-WG hat funktioniert, dann lass uns eine Frauen-WG probieren. Aber ein Monster-Film? Da finden wir Referenzen im Expressionismus und Surrealismus. Wir hatten aber 2013. Das Einzige, was es heute vielleicht noch in dieser Richtung gibt, ist »Das Sams«. Aber das ist was völlig anderes. Das Schöne ist: Ich habe ein großes Netzwerk an Freunden und Filmemachern, Künstlern, Schauspielern, Musikern, die alle genauso ticken wie ich und Bock auf so einen Scheiß haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit »AKIZ« einen Künstlernamen angenommen. Unter Ihrem bürgerlichen Namen Achim Bornhak haben Sie bereits einen Spielfilm gemacht, »Das wilde Leben«, der mit »Der Nachtmahr« aber nicht viel zu tun hat. Wollten Sie in Ihrer Filmografie einen Schnitt machen?

AKIZ: Ja, aber es hat sich auch am organischsten angefühlt. Als Maler und Bildhauer habe ich immer als AKIZ unterschrieben. Da der Film in derselben Autonomie entstanden ist wie meine Gemälde, war es nur logisch, ihn auch mit AKIZ zu unterschreiben. Außerdem wollte ich mich tatsächlich absetzen. Bei »Das wilde Leben« hatte ich andere Vorstellungen als die Produzenten, gerade beim Schnitt, den sie zu »wild« fanden. Am Ende musste ich dann die Kritik einstecken, dass der Film zu bieder und konservativ ist, obwohl das gar nicht auf meinem Mist gewachsen ist. Ich bezeichne »Der Nachtmahr« als meinen ersten Film.

SPIEGEL ONLINE: Wird es noch mal Filme von Achim Bornhak geben?

AKIZ: Ich hab gerade einen für Arte gemacht. Natürlich muss ich mich über Wasser halten, und an »Der Nachtmahr« werde ich nie etwas verdienen. Wenn es Einnahmen gibt, dann gehen die erst mal an das Team, das umsonst gearbeitet hat. Ich habe auch schon Phasen durchgemacht, da habe ich im LKW gelebt, ohne Strom und Wasser. In meinem Alter ist das aber nicht mehr cool, das ist einfach nur erbärmlich. Jetzt sieht es aber gerade gut aus, dass ich weiter Filme als AKIZ machen kann. Plötzlich vernetzt sich etwas, auch für den nächsten Film.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aktuell eine ganze Reihe an Filmen aus Deutschland, wie etwa »Der Bunker«, »Wild« und »Der Nachtmahr«, die offen für das Fantastische sind. Tut sich da etwas?

AKIZ: Jeder Mensch träumt nachts Dinge, die ungewöhnlicher sind als das, was man im Fernsehen oder Kino sieht. In unserer Verzweiflung, »Der Nachtmahr« eine Genrebezeichnung oder ein Label zu geben, kamen wir mit »Neues deutsches fantastisches Kino« daher. Mit Nationalismus habe ich überhaupt nichts zu tun, ich fühle mich nicht deutsch, repräsentiere das nicht. Aber ich bin in Mitteleuropa aufgewachsen und habe den Eindruck, Fantastik hat hier mal stattgefunden. Dann wurde es irgendwann als »entartet« bezeichnet und ausradiert. Davon hat es sich nie wirklich erholt. Noch vor dem Surrealismus und dem Expressionismus gab es Märchen. Die grimmschen Märchen sind eines der meistgedruckten Bücher der Welt. Und das sind alles fantastische Geschichten.

SPIEGEL ONLINE: Am 27. Mai wird der Deutsche Filmpreis verliehen. »Der Nachtmahr« ist nicht nominiert. Was sagen Sie dazu?

AKIZ: Ich habe nicht erwartet, dass »Der Nachtmahr« als bester Spielfilm nominiert wird. Aber dass wir in gar keiner Kategorie wahrgenommen werden, das war schon eine Ohrfeige. In Rio de Janeiro kamen Kids, die weder Deutsch noch die Untertitel verstanden, und haben den Film richtig gefeiert, in Los Angeles war das Chinese Theatre ausverkauft, in Locarno haben sie noch eine Zusatzvorstellung organisiert… Wir liefen in der ganzen Welt, nur bei der Deutschen Filmakademie scheint es plötzlich so, als würden wir nicht existieren. Und dann wirft man Regisseuren vor, dass sie ins Ausland gehen, wenn sie dazu die Gelegenheit haben. Ja! Klar! Wenn die Franzosen und die Amis drauf abfahren, wieso nicht? Ich bin kein Missionar, ich muss den Deutschen nicht erklären, wies geht.

Advertisements

One thought on “1. Oktober 2016

  1. Pingback: 13. Dezember 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s