Filmtipp #304: Little Gay Boy

Little Gay Boy

Originaltitel: Little Gay Boy; Regie: Antony Hickling; Drehbuch: Antony Hickling; Kamera: Tom Chabbat, Amaury Grisel, Christophe Rivoiron; Musik: Arawn Kells, Julien Mélique; Darsteller: Gaëtan Vettier, Amanda Dawson, Manuel Blanc, Gala Besson, Esteban François. Frankreich 2013.

little gay boy

»Little Gay Boy« ist der Zusammenschnitt einer zwischen 2011 und 2013 entstandenen Kurzfilmtrilogie über Jean-Christophe (Vettier), der nicht nur die Initialen mit Jesus Christus teilt. Der vielschichtig-komplexe Film ist somit leicht in drei Episoden oder Kapitel einzuteilen.

Im ersten Kapitel lernen wir Maria (Dawson) kennen, eine füllige Straßenhure aus England, die auf den schmuddelig-verregneten Boulevards von Paris nach Freiern Ausschau hält, als ihr ein ebenso unflätiger wie verführerischer weiblicher Engel (Besson) verkündet, dass sie ein Kind haben wird, das der Sohn Gottes und homosexuell sein wird. Kurz darauf wird Maria von einem ihrer Kunden geschwängert. Das mittlere Kapitel, »Little Gay Boy, chrisT is Dead«, spielt 17 Jahre später. Jean-Christophe, genannt JC, lebt mit seiner Mutter in Paris und träumt von einer Karriere als Model. Seine Träume werden jäh und brutal von seiner Umwelt zerstört. Im Laufe eines Tages erduldet der Junge eine ganze Reihe von Belästigungen, Schikanen und Missbrauchssituationen durch die unterschiedlichsten Menschen — sogar Maria versucht, ihn zu verführen — und verliert auf diese Weise das Kindliche, die Unschuld. Im dritten und letzten Akt trifft JC schließlich auf seinen Vater (Blanc), Gott, mit dem er ein inzestuöses Verhältnis eingeht. Seine Träume und Phantasien der ersten beiden Kapitel werden in die Geschichte eingewoben; so hat JC unter anderem Sex mit einer Gottheit aus dem hinduistischen Pantheon und begeht Patrizid.

Der vollständige Titel von Antony Hicklings Langfilmdebüt lautet »Little Gay Boy – un Triptyque«, somit ergeben die Anfangsbuchstaben LGBT. Die Brillanz der Schauspieler, allen voran der junge Gaëtan Vettier, der in seiner Rolle wirklich Außerordentliches durchmachen muss, kann gar nicht genug gewürdigt werden. Darüber hinaus ist der Streifen ein formidabel in Szene gesetzter, pompöser und visuell ausufernder Trip über das Erwachsenwerden und die Selbstfindung. Formal zwar von einer starken Ästhetik, sind einige Bildfolgen jedoch so beklemmend und schockierend, dass man »Little Gay Boy« nur eingeschränkt und auch nur dem weniger zartbesaiteten Zuschauer empfehlen möchte. Wer sich jedoch auf dieses kompromisslose Meisterwerk, das Erinnerungen an die besten Werke Jarmans, Greenaways, Ken Russells oder sogar David Lynchs evoziert, einlassen kann, darf einen der intelligentesten und ausgereiftesten Filme der letzten 20 Jahre für sich entdecken. — Der zweite Akt dieses Films bewog mich seinerzeit dazu, Kontakt zu Antony Hickling aufzunehmen. Es war mir eine große Ehre und vielleicht der Höhepunkt meiner Laufbahn, mit ihm zusammen One Deep Breath auf die Welt bringen zu dürfen.

André Schneider

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