Filmtipp #298: Anna und die Wölfe

Anna und die Wölfe

Originaltitel: Ana y los lobos; Regie: Carlos Saura; Drehbuch: Carlos Saura, Rafael Azcona; Kamera: Luis Cuadrado; Musik: Luis de Pablo; Darsteller: Geraldine Chaplin, Fernando Fernán Gómez, José María Prada, José Vivo, Rafaela Aparicio. Spanien 1973.

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Die junge Engländerin Anna (Geraldine Chaplin) — hübsch, gebildet und weit gereist — übernimmt während eines Aufenthalts in Spanien die Funktion eines Kindermädchens bei einer hochherrschaftlichen Familie. Diese lebt in einem feudalen Landhaus mit drei Generationen unter einem Dach. Die drei kleinen Mädchen, auf die Anna aufpassen soll, machen ihr keine Schwierigkeiten, wohl aber die ewig zeternde Großmutter (Rafaela Aparicio) und deren drei erwachsene Söhne: Fernando (Fernando Fernán Gómez) ist geradezu krankhaft religiös und träumt davon, sich als Eremit im Dienste Gottes in eine Höhle zurückzuziehen; José (José María Prada) ist ein Militarist, der seine Waffen und Uniformen wie Fetische hortet; Juan (José Vivó) ist ein sexbesessener Perversling, der Verhältnisse mit dem weiblichen Personal unterhält und der Vater der drei Mädchen ist. Jeder der drei Brüder stellt Anna auf seine Weise nach und versucht, sie zu vereinnahmen. So steckt Juan ihr beispielsweise obszöne Briefe zu, und von José erhält sie die Aufgabe, ihm beim Abstauben seiner Militäruniformen zuzusehen. Zunächst ist Anna amüsiert über die Verrücktheiten der Brüder und macht sich über sie lustig. Als ihr das Treiben in der abgelegenen Villa doch langsam zu unheimlich und sie sich zunehmend bedrängt fühlt, will sie die Familie verlassen. Doch bei ihrer Abreise lauern ihr die drei unheiligen Brüder auf: sie schneiden ihr die Haare ab, vergewaltigen und ermorden sie.

Saura selbst zählte 1979 »Ana y los lobos« zu seinen aggressivsten Filmen: »Er entstand zu einer Zeit, als meine persönliche Aggression kulminierte und es nur die Möglichkeiten gab, a) zu explodieren oder b) Filme zu machen. Ich machte diesen Film, weil meine Mutter, wenn ich damals zu Hause von politischen, sexuellen oder religiösen Problemen reden wollte, immer sagte: Darüber spricht man nicht. Das gleiche sagte dann die spanische Zensur zu mir: Alles, was Sie wollen – außer Sex, Politik und Religion!«
»Ana y los lobos« ist, anders als beispielsweise Cría cuervos…, linear und betont realistisch erzählt — selbst die kühle und sachliche Darstellung des brutalen, nachhaltig verstörenden Schlusses wirkt ausgesprochen klar und ist von einer geradezu peinigenden Konsequenz. Die Handlung ist ausschließlich auf das Haus der Familie und den Garten beschränkt, was den Eindruck verstärkt, dass wir hier in einem hermetisch versiegelten Raum feststecken, der einem schmucken Gefängnis gleicht und einen eigenen Mikrokosmos darstellt. Viele Rezensenten behaupten nach wie vor, dass trotz der realistischen Darstellung am Ende offen bliebe, ob sich die Schlussszene bloß in einem Alptraum (von Anna) oder einem Wunschtraum (der Brüder) oder real abgespielt haben; eine Interpretation, die jeder für sich selbst treffen kann und sollte. Die abscheuliche Familie selbst ist eine Allegorie auf die spanische Gesellschaft. Die invalide, von Todesahnungen gequälte und pausenlos lamentierende Mutter stellt hierbei den spanischen Staat dar, während die Brüder die drei Eckpfeiler der spanischen Gesellschaft symbolisieren: Religion, polizeiliche (militärische, politische) Gewalt und Sexualität. Anna personifiziert in diesem Gefüge den Humanismus, der getötet werden muss — auch, weil sie die Brüder in ihrem Stolz verletzt. Dass sie Ausländerin ist, die sich über die Brüder (also Spanien) mokiert, ist hierbei ein nicht unerheblicher Faktor. Jahre später, 1979, drehte Saura die surreale Komödie »Mamá cumple 100 años« (sein neunter und letzter Film mit Geraldine Chaplin), in der Anna die Großmutter verkörpert, die auf die junge spanische Demokratie nach Franco den Schatten der düsteren Vergangenheit wirft.

Der fein nuancierte Film dürfte eine der schönsten spanischen Produktionen der letzten 50 Jahre sein. Darüber hinaus macht die gebotene Drastik aus »Ana y los lobos« eine der besten politischen Parabeln der Filmgeschichte. Mit der spanischen Zensur hatte Saura von jeher Schwierigkeiten gehabt, in dieser Hinsicht war »Ana y los lobos« keine Ausnahme. Die Behörden wollten den Film ursprünglich komplett verbieten. Kein Geringerer als Franco selbst traf am Ende die Entscheidung über die Zulassung des Films — und verfügte sogar, den Streifen ungeschnitten freizugeben: »Die Bilder sind exzellent und von seltener Schönheit, die Farben erlesen. Und was den Inhalt betrifft — den kann sowieso niemand verstehen.«

André Schneider

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3 thoughts on “Filmtipp #298: Anna und die Wölfe

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