21. April 2016

Helena schlief, als ich sie zum ersten Mal sah. Sonntag war das. Das winzige Köpfchen seitlich gelegt, die kleine Faust wie Supergirl geballt. Als man sie mir später auf den Bauch legte, sie die Augen öffnete und wir uns zum allerersten Mal ansahen, da wusste ich, dass dies ein ganz besonderer Mensch ist, von dem wir noch viel lernen werden. Ihre Persönlichkeit ist jetzt schon — so merkwürdig das klingt — sehr stark. Die drei Tage bei der Familie verflogen viel zu rasch. Zwischen den Spaziergängen mit meiner Mutter und den Hunden, den Gesprächen mit meiner Schwester und ihrem Freund und dem Beisammensitzen mit meinem Vater gab es ganz viel Helena. Dieser Wohlgeruch ihres Kopfes, der sich schwer beschreiben lässt — Babykopfgeruch eben, ein wenig wie Frühling plus Blaubeermuffinteig —, fehlte mir nach meiner Abreise sehr…

Am Montag war der letzte Termin im Tonstudio. Gérard Leitz ist für den erkrankten Marc Bluhm eingesprungen. Aus ursprünglich einem Vormittag im Synchronstudio waren schließlich drei geworden, die Kosten stiegen dementsprechend. Das hohe Arbeitspensum der letzten Wochen — es gab eigentlich keinen freien Tag seit Anfang März — forderte am Dienstag ein Opfer: Ian liegt mit einer leichten Lungenentzündung darnieder. Klingt schlimmer, als es ist, aber es ist doch der sprichwörtliche Schuss vor den Bug, der einen zwingt, einen Gang herunterzuschalten. Bis morgen ist Ian noch krank geschrieben. Einstweilen plagen mich unsere Geldsorgen, die trotz des vielen Schuftens nicht einreißen: Tonstudio, Farbkorrektur, Zahnarzt, Nachzahlungen an Thorsten und so weiter. Kleckerbeträge, die sich läppern. Kennt jeder, das Wissen darum hilft dennoch kaum; es ist einfach lästig wie eine brummende Schmeißfliege in der Wohnung. Allenthalben fehlt’s an freien Tagen, am Ausschlafenkönnen, am Ausgleich. Kino, Theater, Konzert, einfach mal auswärts essen gehen, irgendwas unternehmen — momentan undenkbar. Es ist Wochen her, seit wir uns das letzte Mal mit Freunden auf einen entspannten Sonntag verabreden konnten. Das lange angekündigte Treffen mit Sandra Marschner am 6. April hatte ich arbeitsbedingt absagen müssen, Connie treffe ich höchstens zwischen Tür und Angel, bei den anderen Freunden reicht es meist lediglich für ein kurzes Telefonat. Immerhin konnte ich gestern mit dem Fahrrad zur Zahnärztin fahren, das tat mir gut. Anschließend hatte ich mich mit einem Film belohnen wollen, den mir Gunnar Solka nach mühevoller Suche besorgt hatte; leider war aus der Belohnung eine Art Selbstbestrafung geworden, so schlecht war »Les oiseaux vont mourir au Pérou« (Regie: Romain Gary). Ich hatte es einfach nicht wahrhaben wollen und auf ein verkanntes Juwel, einen versunkenen Schatz gehofft. Das war es mitnichten. Sicher hatte Gary viel von dem Film erwartet und hehre Absichten gehabt, im Endeffekt wirkte das Ganze allerdings schlecht vorbereitet, lieblos gestaltet und schnell abgekurbelt. Vereinzelt blitzen wie zufällig schicke Bilder auf, und ja, Ronet, Darrieux und Seberg spielen fabelhaft, doch als Gesamtwerk mäandert »Les oiseaux vont mourir au Pérou« zwischen mangelhaft und ungenügend, was mich nach der langen Wartezeit richtig traurig stimmt.

Maurice Ronet und Jean Seberg in einem leider, leider richtig misslungenen Film.

Maurice Ronet und Jean Seberg in einem leider, leider richtig misslungenen Film.

Für die kommenden Tage heißt es wieder: »Augen zu und durch!« Wenn der Film bei Optimale abgeliefert ist und wir unsere Lesung hinter uns haben, können wir endlich kurz aufatmen. Ach, wenn doch schon Mai wäre!
Kommt gut in den Donnerstag,

André

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5 thoughts on “21. April 2016

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