12. April 2016

Brainstorming.
»Nur weil ich atme, leb’ ich noch nicht«, sang einst Boris Steinberg in einem seiner schönsten Chansons. Vor fünf Jahren schon endete die Freundschaft, der Kontakt brach ab. Jetzt sind wir beinahe Nachbarn, er tritt oder trat regelmäßig im Corbo auf, und einige Male war ich versucht, einfach mal vorbeizuschauen, tat es aber in letzter Konsequenz eben nicht. Jetzt denke ich an einige seiner Texte, die mir seit meinen Berliner Anfängen so viel gegeben haben — wie auch die von Tanja Ries — und hänge erschöpft in meinem Schaukelstuhl am Schreibtisch. Die Arbeit der letzten Tage war zermürbend und trocken, ich fuhr durch die Stadt wie ein gehetztes Tier, bin ständig in Zeitnot, unter Druck. Die letzten Geburtswehen unseres Films ziehen sich wie Kaugummi. Ian und ich haben uns noch bis Jahresende verschulden müssen, damit es überhaupt weitergehen konnte. Die Unzuverlässigkeit eines Mitarbeiters sorgte für monatelange Aufschübe und Verspätungen, und leider waren wir auf ihn angewiesen. Marc Bluhm, einer meiner Lieblingsschauspieler, übernimmt gerade die Nachsynchronisation einer Szene, die ein Kollege komplett versemmelt hatte und die wir aus Zeit- und Kostengründen auch nicht nachdrehen konnten. Am 5. hatten wir bereits angefangen mit dieser tumben, teuren Zusatzarbeit, morgen, also am 13., werden wir sie beenden. Die Endabnahme hat sich nun auf den 24. verschoben, auf zwölf Tage mehr oder weniger kommt es nun wirklich nicht mehr an. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich überhaupt nicht mehr einschätzen kann, ob das, was wir da fabriziert haben, gut ist oder nicht; ich habe einfach keinen Überblick mehr, sehe nur noch Schnipsel und Facetten, rege mich über Fehler auf und kann mich über die gelungenen Momente kaum freuen. Gerade telefonierte ich mit Antony, dem ich mich gerade wieder angenehm nahe fühle. Ich liebe den »Where Horses Go to Die«-Trailer. Wie gerne würde ich noch einmal mit ihm arbeiten! Bleibt nur das Hoffen auf ein neues Projekt. Ians neuer Film wird sich wohl erst 2017 materialisieren, er kommt einfach nicht zum Schreiben. Alexander Pfeuffer ist ganz angetan von den Fruchtstückchen, aber das heißt natürlich gar nichts. Mit Herrn Biermann würde ich gerne an meinem zweiten Herzensprojekt arbeiten, es mit ihm entwickeln — aber wann, wie, wovon? Zuweilen überkommt mich die Lust, doch noch einmal »nur« Schauspieler zu sein. Habe mich blindlings für eine Rolle in »Five« von Kevin Wloczyk beworben und sah erst dann, dass bereits am 18. April gedreht werden soll. Die Flexibilität bringe ich leider doch nicht mehr mit. Habe einen wirklich großartigen Schauspieler-Film von Florian Gottschick gesehen; das wäre ein Filmemacher, für den ich auf einem Hochseil zwischen zwei Wolkenkratzern Kopfstand machen würde, wenn er es verlangte. Darüber hinaus ist mein Ehrgeiz fadenscheinig geworden, durchlässig geradezu. Ich liebe meine Arbeit, die auch meine Berufung ist, aber die letzten Jahre haben mich aufgerieben, die Haut porös gemacht. Die Nachwirkungen von 2010, 2011 spüre ich immer noch, und die Dämonen lassen nicht ab, melden sich in unregelmäßigen Abständen, aber doch verlässlich immer mal wieder mit Drohungen oder Beschimpfungen. Paris ist ein Zufluchtsort, dem ich dankbar bin. Es wird auch weiterhin interessante Projekte geben, mit Léonard zum Beispiel. In Optimale habe ich einen Verleih gefunden, der mir künstlerisch (fast) alle Freiheiten lässt und mich auch in Zukunft behalten möchte. Das Beschreiben von guten Filmen tut mir gut, Italo-Cinema.de bietet mir eine gute Plattform, und auch meine Filmtipps hier werden immer wieder gerne gelesen, wie ich an den Blog-Statistiken erkenne. Demnächst werden hier mehrere Saura-Filme rezensiert werden, und auch mal wieder etwas aus der Rubrik »Schlechte Filme, die Spaß machen«. Meine Seberg-Biographie werde ich in Angriff nehmen, sobald unser Film »draußen« ist. Ansonsten wünsche ich mir, viel Zeit mit Helena verbringen zu können. — Zur Böhmermann-Geschichte, die an Absurdität kaum zu übertreffen ist, hat Herr Kalkofe im Prinzip alles gesagt, was noch zu sagen ist. Herr Hallervordens beherzte Bemühung, sich als Trittbrettfahrer zu profilieren, finde ich eher beschämend. Zudem beschleicht einen das Gefühl, dass das Aufbauschen dieser Affäre andere Meldungen übertünchen soll. Oder nicht? — Höre zum Einschlafen Nils Frahm und hoffe auf einen klaren Kopf, wenn ich den Dienstag begehe.
Herzlichst,

André

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4 thoughts on “12. April 2016

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