Filmtipp #291 & #292: Cannibal Man & Bulgarian Lovers

Cannibal Man

Originaltitel: La semana del asesino; Regie: Eloy de la Iglesia; Drehbuch: Eloy de la Iglesia, Antonio Fos; Kamera: Raúl Artigot; Musik: Fernando García Morcillo; Darsteller: Vicente Parra, Emma Cohen, Eusebio Poncela, Charly Bravo, Fernando Sánchez Polack. Spanien 1972.

la semana del asesino

Eloy de la Iglesia, am 1. Januar 1944 als Eloy Germán de la Iglesia Diéguez in Zaráus geboren, war einer der innovativsten und klügsten Filmemacher Spaniens. Zwischen 1966 und 1986 drehte er nicht weniger als 21 Filme, von denen die meisten außerhalb ihres Herstellungslandes kaum bekannt sind. Der offen homosexuell lebende Kommunist ging mit 18 Jahren nach Paris, um dort an der IDHEC zu studieren, und schuf nach seiner Rückkehr eine ganze Reihe subversiver und hochgradig politischer Horrorfilme und Thriller, die er geschickt an der strengen spanischen Zensur vorbei lancierte. Seine Glanzzeit kam, als Spanien aus der Franco-Diktatur in die Demokratie wechselte: Filme wie »El sacerdote« (1978, mit Simón Andreu), »El diputado« (1979, mit José Luis Alonso) und das Stricherdrama »Colegas« (1982) wurden zu preisgekrönten Kritiker- und Publikumslieblingen. Die Kernthemen seiner Streifen war die Bigotterie der spanischen Gesellschaft unter Franco, soziale Not, Unterdrückung sexueller Wünsche und Begierden, Generationskonflikte, Kriminalität und Drogenkonsum. Letzteres war auch Eloy de la Iglesias größtes persönliches Laster: seine Sucht zwang ihn im Mai 1986, das Filmemachen aufzugeben. Es sollte 15 Jahre dauern, bis der inzwischen 57jährige wieder in seinen Beruf zurückkehren konnte. Allerdings war seine Leber durch den jahrelangen Konsum harter Drogen schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, so dass er am 23. März 2006 im Alter von nur 62 Jahren den Spätfolgen einer Hepatitis erlag.
Zu seinen interessantesten Streifen gehört beispielsweise das Frühwerk »El techo de cristal« (1971) mit Patty Shepard, der in famoser Weise Elemente von Hitchcock und Polanski miteinander verbindet und mit einer brillanten Traumsequenz aufwartet, die auch heute noch ihresgleichen sucht. Ebenfalls sehenswert: »Una gota de sangre para morir amando« (1973, mit Jean Sorel, Sue Lyon und dem Sohn Robert Mitchums), eine spanische Version von »Clockwork Orange« (Regie: Stanley Kubrick), und der romantische Thriller »Nadie oyó gritar« (1973). Mit »Juego de amor prohibido« (1975) gelang ihm ein denkwürdiges Komödien-Experiment, das vor allem ziemlich verstört und erschreckt. All diese Filme sind leider in Deutschland — wenn überhaupt — nur als Import erhältlich, meist nur in der spanischen Originalfassung.

De la Iglesias international berühmtester Streifen lief in Deutschland und den USA unter dem irreführenden Titel »Cannibal Man«. Der eigentliche Titel, der mit »Die Woche des Mörders« übersetzt werden könnte, war dem Verleih nicht reißerisch genug. Horrorfans dürften sich angesichts der Tatsache, dass es sich hierbei um ein klug aufgebautes Melodram mit politischem Background und nur wenigen Thrilleranleihen handelt, enttäuscht zeigen.
Spanien 1972. Marcos (Parra) arbeitet in einer Konservenfabrik mit integriertem Schlachthof, steht aber finanziell alles andere als gut da. Gemeinsam mit seinem Bruder Estebán (Bravo), der als LKW-Fahrer seinen Lebensunterhalt verdient, teilt er sich ein marodes Häuschen am Rande einer modernen Hochhaussiedlung. In einem der Hochhäuser lebt der schwule Néstor (Poncela), der ein bisschen Rear Window spielt und seine Nachbarn mit dem Fernglas beobachtet.
Marcos hat eine Freundin: Paula (Cohen) ist ein Mädchen aus reichem Hause, deren Eltern die Liaison mit dem älteren Marcos nicht billigen. Eines Abends, Marcos und Paula waren aus, erschlägt Marcos in Notwehr einen handgreiflichen Taxifahrer. Als Paula die Polizei einschalten möchte, tötet Marcos auch sie, da er als Unterprivilegierter die Ungerechtigkeit der spanischen Exekutive fürchtet. Mit diesen beiden Morden rutscht der von seinem Gewissen geplagte Marcos in einen wahren Strudel der Gewalt: in den kommenden Tagen muss er weiter töten, um die erste Tat zu vertuschen. Doch schon bald macht sich der Verwesungsgeruch in seinem Haus bemerkbar. Portionsweise bringt er die Überreste seiner Opfer in die Fleischfabrik, wo sie schließlich in den Konservenbüchsen landen. Schließlich freundet sich Marcos mit dem Außenseiter Néstor an, der ihn zu verstehen scheint und ihn mit seiner sanften Art beruhigt. Eines Abends bittet der todessehnsüchtige Néstor den sechsfachen Mörder zu sich in die Wohnung. Als Marcos das Fernglas seines Nachbarn entdeckt, fühlt er sich erneut in der Falle…

Wie dieser ungewöhnliche Thriller ausgeht, verrate ich an dieser Stelle nicht. Interessanter ist ohnehin die Schilderung des spanischen Alltags unter Franco: die willkürlichen Razzien der Polizei beispielsweise, die die unbescholtenen Bürger unter Generalverdacht stellten und eine Atmosphäre konstanter Bedrückung schufen. Auch wegen dieser Kritik an der Politik Francos hatte »La semana del asesino« einen steinigen Weg zurückzulegen, ehe er in die spanischen Kinos kam. In seinem Heimatland gilt der Streifen heute nach wie vor als »verflucht«, wie der Verleih Subkultur-Entertainment anlässlich der DVD-Veröffentlichung 2014 schrieb: »Es ist eine Art schwarzer Fleck auf einer weißen Weste, mit dem keiner etwas zu tun haben will. Das ist kein Witz. Bei unseren Vorbereitungen klappten bei der bloßen Erwähnung des Titels alle Bordsteine hoch und es wurde gemauert und abgelehnt. […] Das lag an der Diktatur Francos. Der Film wurde bereits […] drastisch zensiert, allerdings lag das nicht an seinen Gewaltausbrüchen (die ja ohnehin keine große Spielzeit einnehmen), sondern schlicht und ergreifend an seiner homoerotischen Atmosphäre. […] Und weil der damalige Verleih offenbar große Probleme hatte, hat sich danach keiner mehr in Spanien um den Film bemüht, was auch das Fehlen sämtlicher spanischen Auswertungen erklärt […]. Der Film wurde geächtet und dieses Stigma hat sich offenbar bis in die heutige Generation festgefressen. […] Wieso das so ist, wissen die Spanier vielleicht selbst nicht ganz, aber es ist eine Tatsache. Wir hätten gern auch die spanische Fassung präsentiert, aber die ist wie vom Erdboden verschluckt und jeder Versuch, sie zu finden und zu bergen, wird im Keim erstickt. Alles, was zu diesem Film […] heute existiert, ist die internationale Fassung mit englischem und deutschem Ton, ein paar Trailer, Bildmaterial und die besagten Deleted Scenes. Interessanterweise liest man vielerorts […], wie ›langweilig‹ der Film doch ist, weil der Cannibal Man nicht 90 Minuten an weiblichen Unterschenkelknochen knabbert und Blut zum Frühstück säuft, aber was beispielsweise in Deutschland als langweilig gilt, haben die Spanier selbst damals im Kino nicht sehen dürfen, und offiziell haben sie den Film in ihrer Muttersprache seitdem nicht mehr sehen können.«
Letzteres hat sich mittlerweile gottlob geändert: 2016 erschien »La semana del asesino« endlich auch in Spanien auf BluRay und DVD. Andere Filme Eloy de la Iglesias fanden auch endlich ihre späte Würdigung durch ein entsprechendes DVD-Release. Ein peinlich unterschätzter Meister, dem hier spät Tribut gezollt wird.

Bulgarian Lovers

Originaltitel: Los novios búlgaros; Regie: Eloy de la Iglesia; Drehbuch: Eloy de la Iglesia, Fernando Guillén Cuervo, Antonio Hens; Kamera: Néstor Calvo; Musik: Antonio Meliveo; Darsteller: Fernando Guillén Cuervo, Dritan Biba, Pepón Nieto, Roger Pera, Anita Sinkovic. Spanien 2003.

los novios búlgaros

Eloy de la Iglesias letzter Film wurde — wohl vor allem aufgrund seiner frechen Hemmungslosigkeit — zu einem weltweiten Festivalhit, obschon die Kritiker sich bestenfalls lauwarm über dieses in der Tat etwas unentschlossen-dürftige Gemisch aus Drama, Erotikfilm, Thriller und Komödie, das sicher nicht zu den stärksten Filmen des Regisseurs zählt, aber dennoch anderthalb Stunden kurzweilige Unterhaltung bietet, äußerten.

Der wohlhabende, etwas naive Daniel hat es im Leben eigentlich ganz gut getroffen: Als aufstrebender Anwalt mit eigener Kanzlei kann er sich eine schicke Wohnung in Chueca leisten, und er pflegt einen herzlichen Umgang mit seiner Familie, bestehend aus seinen charmant-konservativen Eltern und einigen Brüdern nebst Gattinnen. An den Wochenenden zieht er mit seinen Freunden los — allesamt im mittleren Alter, schwul und alleinstehend —, um in den Bars und Saunen Madrids junge Männer kennen zu lernen. Bei der Clique besonders begehrt sind knackige Immigranten aus Osteuropa, die in Spanien auf der Suche nach Sugar-Daddys und Aufenthaltsgenehmigungen sind und im Tausch dafür ihre Liebesdienste feilbieten. Eines Abends lernt Daniel den attraktiven Kyril kennen, einen Bulgaren, der sich als dauergeile Sexmaschine erweist und dem armen Daniel gehörig den Kopf verdreht. Es dauert nicht lange, bis der gutmütige Anwalt Kyril zuliebe seine soziale Situation aufs Spiel setzt und sich mit illegalen Aktionen auch in Gefahr begibt. Dann erfährt er, dass sein heißer Bulgare in der Heimat noch eine Verlobte hat…

Das durchschnittliche Aussehen der Hauptfigur erlaubt es dem Zuschauer — ob hetero- oder homosexuell —, sich mit ihr zu identifizieren und selbst ihre idiotischsten Handlungen nachzuvollziehen. Die erotische Anziehung und das Flirren der Verliebtheit lässt Daniel mehr und mehr in eine Hörigkeit abrutschen. Die Abhängigkeiten und Co-Abhängigkeiten sind absolut glaubhaft und detailverliebt inszeniert. Die Sexszenen sind erstaunlich freizügig und explizit; kaum ein anderes Kinoland bietet dem Zuschauer hier so viel wie Spanien. (Man denke nur an »Jamón Jamón« (Regie: Bigas Luna) oder an Átame! von Almodóvar.)
Dritan Biba als schlitzohriger Kyril, der für die Mafia krumme Dinger abzieht und den armen Daniel nach Strich und Faden ausnutzt, ist wirklich eine Augenweide, überzeugt im Gegensatz zu Fernando Guillén Cuervo aber schauspielerisch nicht wirklich. Auch bietet die Story an und für sich keine wirklichen Überraschungen und plätschert nach der ersten Hälfte einfach so dahin. Man hätte Eloy de la Iglesia einen etwas glanzvolleren Abschied vom Kino gegönnt, aber »Los novios búlgaros« ist als Sozialtragikomödie darüber, wie unkritisch und abhängig die Liebe machen kann, immer noch ein mehr als sehenswerter Beitrag.

André Schneider

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6 thoughts on “Filmtipp #291 & #292: Cannibal Man & Bulgarian Lovers

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