23. November 2015

Freitag Gunnars Geburtstagsfeier im Friedrichshain, Samstag ein gemütliches Dinner mit Freunden bei mir, und gestern kam auch das Wetter im November an. Ungemütlicher Schneeregen und Wind, nicht einmal der Hund konnte sich für einen langen Spaziergang begeistern und blickte sich ständig nach uns um, als ob er fragen wollte: »Wie lange denn noch?«
Wenn mich Freunde fragen, wie es mir geht, zucke ich meist mit den Achseln, weil ich es nicht weiß. Wie geht es mir? Ich funktioniere. Zwischen Nebenjob, Schneideraum, Chelito und Haushalt bleibt oft nur die Zeit für ein wenig Schlaf, eine Dusche und eine Mahlzeit zwischen Tür und Angel. In der S-Bahn blättere ich in der Seberg-Biographie von Garry McGee. Da jedoch das, was ich erfahre, meine Tränenkanäle zu sehr kitzelt, lese ich eher nebenbei, unbeteiligt. Unfasslich, was dieser Frau angetan wurde!
Ja, ich bin augenblicklich ein bisschen wie ein Roboter oder eine Art neugieriger Zombie. Die Nachrichten wühlen mich sehr auf — nach Paris und Beirut nun Hannover, Marseille, Brüssel, Luxemburg und Bamako. Mit Bestürzung schaue ich in die Welt, höre zu, registriere, aber im Grunde bin ich ertaubt. Die Stimmen in den sozialen Netzwerken wabern aggressiv, während Paris und Brüssel futuristischen Geisterstädten ähneln, in denen man nur noch Polizisten mit Maschinengewehren sieht. »Es ist Krieg«, heißt es. Es klingt surreal. Weil eben nicht sein kann, was nicht sein darf.
Ich übe Disziplin, um gesund zu bleiben, spüre meinen maroden Körper aber in jeder stillen Minute; der Rücken ziept, die Kopfschmerzen statten mir mittlerweile regelmäßige Besuche ab. In den Schlaf falle ich wie in eine Ohnmacht — meist schon vor 21 Uhr —, und wenn mich um zwei in der Frühe der Wecker hochschrecken lässt, stehe ich sekundenlang unter Schock. Ich bin barsch und zickig, spüre einen lastenden Druck auf mir und finde nicht die Ruhe, die ich brauche. Ich zähle die Tage bis Weihnachten. Hoffentlich kann ich zwischen den Jahren ein wenig ausspannen.

Carrie Getman in "Sur les traces de ma mère".

Carrie Getman in “Sur les traces de ma mère”.

Dies ist der allererste Blogeintrag, den ich von meiner Wohnung aus tätige. Seit Freitag habe ich einen Laptop sowie einen Internetanschluss — zum ersten Mal. Ich hatte mich zu lange dagegen gesträubt. Aber Handy und E-Mail hatte ich ja auch erst spät. Hatte mir gewünscht, möglichst lange anachronistisch zu leben, meine Wohnung einen analogen Raum bleiben zu lassen.
Das neue Adele-Album ist eine herbe Enttäuschung. Drei Lieder gefallen mir, der Rest ist … ja, irgendwie schön, aber letztlich doch ein beliebiger Einheitsbrei, schwacher Durchschnitt. Wenn ich im Dezember meine Schränke mal wieder »entlause«, werde ich es wohl auf den Ebay-Haufen legen.
Sur les traces de ma mère ist im Prinzip fertig geschnitten. Heute gehen wir in den Feinschnitt, das dürfte nicht länger als zwei Tage dauern, dann schicken wir den Film in die Tonabmischung. Mittlerweile haben wir alle Schulden gemacht, um das Baby fertig zu stellen, aber es fehlt an allen Ecken und Enden. Wer uns noch mit Spendengeldern unterstützen möchte, kann dies gern weiterhin tun, indem er einfach hier klickt.

Kommt entspannt in die Woche und lasst Euch nicht unterkriegen.
Herzlichst, Euer

André

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5 thoughts on “23. November 2015

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