Filmtipp #287: Spione am Werk

Spione am Werk

Originaltitel: Les espions; Regie: Henri-Georges Clouzot; Drehbuch: Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi, Egon Hostovsky; Kamera: Christian Matras; Musik: Georges Auric; Darsteller: Curd Jürgens, Peter Ustinov, Sam Jaffe, Véra Clouzot, Martita Hunt. Frankreich 1957.

les espions

Henri-Georges Clouzot gilt rechtmäßig als einer der versiertesten Filmemacher aller Zeiten. Mit »Le salaire de la peur« (1953) und »Les diaboliques« (1955) schuf er zwei veritable Meisterwerke, die heute noch ihresgleichen suchen. Im Fahrwasser dieser beiden Meilensteine ging sein Spionagefilm »Les espions« damals ein wenig unter; auch heute noch zählt man ihn zu Clouzot schwächeren Arbeiten. Für mich war der Streifen eine der ganz großen Entdeckungen des Jahres 2015.
Die psychiatrische Klinik von Dr. Malic (Gérard Séty) steht kurz vor der Schließung, denn es befinden sich derzeit nur zwei Patienten (u. a. Véra Clouzot) dort in Behandlung. Vom Ruin bedroht, geht Malic auf das Angebot eines englischen Colonels (Paul Carpenter) ein, einen gewissen Monsieur Alex (Jürgens) in seinem Institut aufzunehmen. Kaum trifft dieser in dem heruntergekommenen Sanatorium ein, häufen sich die Besuche unheimlicher Gestalten, und im Handumdrehen sieht sich der arme Malic im Kreuzfeuer westlicher und östlicher Geheimdienste, die Jagd auf einen armen Professor (O. E. Hasse) machen, der eine neue Atombombe entwickelt hat.

Mit Peter Ustinov, Sam Jaffe, der gewohnt gespenstischen Martita Hunt, dem jungen Patrick Dewaere, Sacha Pitoëff, Gabrielle Dorziat, Jean Brochard und Fernand Sardou ist »Les espions« bis in die Nebenrollen superb besetzt. Neben einiger brillant fotografierten und gespielten Sequenzen — der Tanz der Federn aus Véra Clouzots Kopfkissen dürfte dem Zuschauer noch lange im Gedächtnis bleiben — verblüfft das schwarzhumorig-bittere Werk durch seinen Wendungsreichtum, seine schlichte Eleganz und Georges Aurics außergewöhnlich atmosphärische Musik. Obschon es keinerlei Action gibt — selbst die wenigen Morde werden off-camera verübt —, die Schnitte spärlich und sauber gesetzt sind und das Tempo bis zum Finale an seiner Behäbigkeit festhält, hält einen »Les espions« bis zum Schluss in Atem. Clouzot brauchte den Vergleich mit Hitchcock weiß Gott nicht zu fürchten! Deutschland allerdings schien mit seinem brillantem Thriller nichts anfangen können und schickte ihn in einer verstümmelten Fassung — es fehlten seinerzeit sage und schreibe 26 Minuten! — in den Verleih. Kein Wunder, dass der Film hierzulande bei Kritik und Publikum floppte. Der Verriss im »Spiegel« las sich 1957 folgendermaßen: »Der sachdienlichen Behandlung des Themas stellt sich hemmend die Leidenschaft des Regisseurs […] entgegen, das Kino als kultiviertes Gruselkabinett zu betrachten. Geschäftig reiht er verblüffende Handlungsfragmente aneinander, doch das Rätselhafte ins Unheimliche zu erheben gelingt ihm nur mangelhaft. Beklemmender als die hochgestochene Spannungstreiberei, die beim Publikum auch Heiterkeit hervorrief: O. E. Hasse als von Geheimdiensten und Gewissensbissen gehetzter Atomprofessor.«
52 Jahre sollte es dauern, bis das verkannte Schmuckstück des großen Meisters auch in Deutschland ungekürzt genossen werden konnte.

André Schneider

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