16. Mai 2015

Soeben erfahre ich, dass Marcus Brühl gestorben ist. Er war einer der ersten Menschen, die ich Ende 1999 in Berlin kennen lernte. Ich erinnere mich, dass wir zusammen in der Friedelstraße A Countess from Hong Kong auf Video schauten und wie toll er Margaret Rutherfords Auftritt darin fand. Mein Gedächtnis speicherte einige anregende Gespräche über das Schreiben, Berlin und Tippi Hedren ab. Und dass er damals an seinem ersten Roman »Henningstadt« arbeitete. Seinen »praktischen Leitfaden von Penelope für Dich« lieh ich mir seinerzeit aus der AGB aus. Er mochte meine Einzeiler und fragte mich, ob er einen — ich weiß nicht mehr, um welchen es sich handelte — für eine seiner Geschichten verwenden dürfe. Geschmeichelt sagte ich Ja. Ob er ihn tatsächlich irgendwo einbaute, kann ich nicht sagen, denn noch vor dem Erscheinen von »Henningstadt« vor gut 14 Jahren brach der Kontakt ab, und ich habe nur selten an ihn gedacht. Später, als sich vermeintliche Freunde ohne zu fragen an meinen Texten bedienten und sich an mir bereicherten, dachte ich mit Hochachtung und Freude an Marcus Brühl zurück, an seine Fairness, seinen Wortwitz und seine Begeisterungsfähigkeit. Sein früher Tod — er wurde nur 40 Jahre alt — erschüttert mich. Es ist, als ob die Zeit stirbt.

André

Advertisements

15. Mai 2015

Die Lieblingskassiererin bei Edeka mustert mich leicht erschrocken. »Oh, tut das Herz weh?«, fragt sie mit diesem verständnisvoll-wissenden Blick, den ich an ihr so mag, und ich nicke, lächle traurig und denke: »Ja, es wird gerade gebrochen. Aber nicht mit einem Ruck, wie normalerweise, sondern langsam. Und genüsslich.« — Es beschämt mich etwas, dass man es mir so ansieht. In der Nacht zuvor hatten sich alle Schleusen geöffnet, ich flennte bitterlich, drückte meine Faust an die Brust und verstand die Welt nicht mehr. Ich verliere das Vertrauen — auch in mich und meine Menschenkenntnis. Starre entsetzt einer eiskalten, glasklaren Furcht in die Augen, die mich mit einer schmerzenden Perspektive konfrontiert: einer Zukunft ohne Liebe. Auslöser war ein romantisch-anachronistisches Kennenlernen, ein Mensch, der unverhofft Helligkeit und Farben in meine Trübnis brachte. Sein strahlendes Grinsen öffnete mir eine lang schon nicht mehr vertraute Welt, seine Worte versprachen Zukunft, forderten Hingabe, Fallenlassen, Einheit. Ohne Vorwarnung dann silent treatment, tagelang, begründungslos. »Schweigen ist eine Form von Folter«, sagt Angelika und fragt: »Wo ist deine Wut, André?« — Ich denke an Dr. F. und daran, dass er den Kloß in meinem Bauch seinerzeit als Wut diagnostizierte. Er ist wieder da, aber er bleibt in mir, darf, kann, soll nicht raus, hindert mich daran, Nahrung aufzunehmen. Nadine überredete mich am Montag zu einem kleinen Imbiss beim Thailänder in der Gleimstraße, am Mittwoch aß ich ein Tomatensüppchen, Donnerstag zwei Möhren und eine Banane. Der Kloß behindert auch meinen Schlaf. Seit dem 8. Mai schon. Nachmittags hatten der Schöne und ich noch telefoniert. Connie war dabei und freute sich über mein Strahlen, als ich seine Stimme vernahm. Stunden später begann das Schweigen, das elende, grausame, garstige, beharrliche. Der Missbrauch und die Respektlosigkeit setzen mir zu. Man fühlt sich wie das letzte Arschloch — und hat keine Erklärung dafür. Mir ist wohl bewusst, dass dieser Eintrag eigentlich in die VIP Lounge gehört, but what the hell? (Dort schreibe ich lediglich etwas ausführlicher.) Unwillkürlich fließen Episoden dieses Irrsinns ins Drehbuch ein, es kriecht aus dem Unterbewussten, die Sätze verfasse ich wie in Trance.
Lese gerade Hildegard Knefs Brief an ihre Tochter: »Ich fürchte den Tag, an dem Du das erste Mal nicht wegen EINES Menschen, sondern wegen vieler Menschen weinen wirst; das ist der Tag, an dem Dich die Pest der Hoffnungslosigkeit befällt. Sie ist heilbar. In der Schönheit wird sie, zwar langsam und von Rückfällen gezeichnet, ausheilen. Beim Malen, zum Beispiel. […] Halte die Zügel Deiner bedingungslosen Liebe, fürchte sie ein wenig, denn in der Liebe bist Du ungeschützt und verletzbar wie nie zuvor. Deine unverkennbare Neigung, bedingungslos zu lieben, wird Dir heftig blutende Wunden schlagen; sei’s drum, nur verbluten darfst du nie. […] Es wird Tage geben, an denen Du die Welt umarmst, und Tage, an denen Dich die blitzeblanke Verzweiflung am Kragen hat. Wisse: Du bist nicht die einzige, obgleich das zu wissen nicht immer hilft, denn Schmerz ist unteilbar, das fängt beim Zahnschmerz an. Nur wisse: er geht vorüber, doch Du musst ihm Zeit lassen. Wenn Du ihn bekämpfst, wird er sich Deiner annehmen, er wird Dich verspeisen, denn er braucht Widerstand. […] Und jetzt lass uns von der Schönheit sprechen: Sie ist überall. Wie das Leid. Und für beide sind die Menschen blind.« — Ich suche Schönheit. Höre die Alben von Elif und Ryan Keen, berausche mich an dem Geräusch des Regenprasselns, an der nachtklaren Luft, wenn ich in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit latsche, genieße das satte Grün überall, das schnuckelige Schnarchen meines Hundes, Filme: Bedrooms and Hallways, The Apartment, sogar The Silence of the Lambs. Doch der augenblickliche Schmerz, der Kloß, die Tränen, sie bemächtigen sich meiner gerade zu sehr. Habe zum Glück nun ein paar Tage frei, möchte ins Kino, ins Theater, mir Gutes tun. One Deep Breath läuft weiterhin erfolgreich — demnächst ist Rio dran —, die Finanzierung des neuen Films steht quasi — es gibt also Lichtblicke. Doch leider, wie immer, nur berufliche.
Tränenüberströmt las ich kürzlich wieder die letzten Aufzeichnungen von Rachel Roberts vor ihrem Selbstmord: »I can’t control it any more and I’ve been trying with all my failing strength. I’m paralysed. I can’t do anything and there seems to be no help anywhere. What has happened to me? Is it that my dependence over the years on alcohol has so severely debilitated me that now, without it, I just cannot function at all? Or is it that my nervous system from birth has always been so very frail that life for me is too much to cope with? That I was the hopelessly dependent little girl who found everything too hard to handle, so that my intelligence and talent have been overcome now that I’m in my fifties and I can’t withstand it? Day after day and night after night, I’m in this shaking fear. What am I so terribly frightened of? Life itself, I think.«
Mit diesen Worten ziehe ich mich ein Weilchen aus der virtuellen Welt zurück. Filmtipps gibt es natürlich weiterhin jeden Donnerstag. Bleibt mir gewogen.

André

Filmtipp #271: Tiger by the Tail

Tiger by the Tail

Originaltitel: Tiger by the Tail; Regie: R.G. Springsteen; Drehbuch: Charles Wallace; Kamera: Alan Stensvold; Musik: Joe Greene; Darsteller: Christopher George, Tippi Hedren, Dean Jagger, Charo, Lloyd Bochner. USA 1969.

tiger by the tailEigentlich konnte es nur bergab gehen, schließlich hatte Tippi Hedrens Filmkarriere ganz oben begonnen, doch nach ihrem beeindruckenden Debüt in Hitchcocks »The Birds« (1963) war sie erschreckend schnell ganz unten angekommen. Nach ihrem Rauswurf bei Universal und dem Reinfall mit A Countess from Hong Kong spielte sie ein bisschen Theater — »A Hatful of Rain« (1967) in Kanada und »Black Comedy« (1968) in Paramus, New Jersey —, nahm eine Platte auf (ein Flop), setzte sich für humanitäre Organisationen ein und war ansonsten ohne Beschäftigung. Der New Yorker B-Produzent Francis D. Lyon und sein Bruder Earle mussten sich nicht sonderlich ins Zeug legen, um die Aktrice für »Tiger by the Tail« unter Vertrag zu nehmen: Hedren hatte schlicht und einfach keine Wahl. Bis 1972 drehte sie noch drei Kinofilme und trat in einer Fernsehserie als Gaststar auf, danach war bis zum Erscheinen von »Roar« (Regie: Noel Marshall) im Frühjahr 1982 praktisch Schicht im Schacht; in einem Interview aus den frühen Siebzigern gab sie an, zuweilen sehr deprimiert darüber zu sein, keine major motion pictures mehr zu machen. Von Partnern aus der A-Liga wie Rod Taylor, Sean Connery und Marlon Brando war sie zu Christopher George, George Montgomery und John Saxon »abgestiegen«.

»Tiger by the Tail« ist ziemlich schwer zu bekommen. Meine Kopie ist eine mit dänischen Untertiteln versehene DVD-R aus den USA, ein Geburtstagsgeschenk meines lieben Freundes Kevin Paul Stephens. (Thank you!) Diverse Datenbanken listen das Erscheinungsjahr des Streifens entweder mit 1968, 1969 oder 1970. Der National Screen Service Code lautet 69/322, was bedeuten würde, dass »Tiger by the Tail« im letzten Quartal des Jahres 1969 in die Kinos kam. Im Abspann allerdings wird 1968 als Produktionsjahr angegeben. Für den Western-Regisseur R.G. Springsteen, einem Vielfilmer mit nicht weniger als 100 Film- und TV-Arbeiten in seinem Lebenslauf, besiegelte »Tiger by the Tail« den Abschied vom Berufsleben; der damals 64jährige setzte sich nach Beendigung des Films in Südkalifornien zur Ruhe.
Zu allererst springt einem die unangenehm-billige Ästhetik des Films ins Auge — »Tiger by the Tail« sieht aus, als sei er in einem kleinen Hinterhofstudio flugs fürs Fernsehen abgekurbelt worden. Ganz falsch ist das nicht, die Produzenten setzten in ihrer Konzeption tatsächlich auf eine rasche TV-Auswertung des Streifens, was ihnen dank der Werbekunden größere Gewinne versprach als eine mittelprächtige Kinolaufzeit. (Unnötig zu erwähnen, dass der Film kein großer Renner an der Kinokasse war.) Gedreht wurde in Ruidoso Downs, New Mexico, die Handlung spielt jedoch größtenteils in El Paso, Texas: Der Kriegsveteran Steve Michaels (George), der nach drei Jahren aus Südostasien nach Hause kommt, sieht sich plötzlich im Visier der Polizei, als sein Bruder Frank (Dennis Patrick) ermordet wird. Von Sherrif Chancey Jones (John Dehner) ermutigt, stellt Steve seine eigenen Nachforschungen an. Seine Ex-Freundin Rita (Hedren) spielt dabei eine nicht ganz unwichtige Rolle…

Das Ganze plätschert unspektakulär-gefällig und leidlich spannend vor sich hin. Das Skript möchte gerne wendungsreich sein und ist doch nur verworren, und der obligate Showdown dürfte auch 1969 weiß Gott niemanden vom Hocker gehauen haben.
Christopher George ist, wie in jedem seiner Filme, ein nicht unsympathischer Held, was vermutlich auch der Grund dafür war, dass er bis zu seinem frühen Tod sehr gut im Geschäft war. Tippi Hedren spielt ihre Rita mit derselben unterkühlten sexuellen Energie, die schon ihre beiden Arbeiten unter Hitchcocks Ägide auszeichnete. Allerdings beeinträchtigen Kostüme und Kulisse ihre Glaubwürdigkeit: Keine Millionärin, wie Rita Armstrong eine ist, würde sich in Woolworth einkleiden und ihr Mobiliar aus Sperrholz zusammen suchen. Da hilft es auch nicht, dass sie im Garten einen kleinen Swimmingpool hat.
Die Farbdramaturgie des Films ist unter aller Sau, das fängt bei dem grell-roten Titelvorspann an und hört bei den wahllos zusammengewürfelten Holztönen der mieserabel ausgestatteten Sets auf. Das Tempo wird durch den schlechten Schnitt (Terry O. Morse) ungebührlich gedrosselt; manche Einstellungen werden einfach zwei, drei Sekunden zu lange gehalten. Komischerweise trägt gerade all das zum schrägen Unterhaltungswert von »Tiger by the Tail« bei — wie auch Charo, die hier ihren ersten Filmauftritt absolviert und ihren Text brav phonetisch auswendig gelernt und vermutlich kein Wort verstanden hat. Sie singt auch und spielt Gitarre. Es ist unklar, ob sie vielleicht eine Spionin ist — und es selbst nicht genau weiß — oder zur Rennbahn-Mafia gehört, welche die Gegend im Griff hat. Auf jeden Fall ist es immer eine Freude, Charo zu sehen, ob in Las Vegas, auf dem »Love Boat« oder eben als Darlita in »Tiger by the Tail«. Auch der Rest der Besetzung ist ziemlich bemerkenswert, besteht sie doch fast ausschließlich aus namhaften TV-Veteranen: Dean Jagger, Glenda Farrell, Lloyd Bochner, R.G. Armstrong, Alan Hale Jr. und Skip Homeier sind in zumeist schwach geschriebenen Rollen und Röllchen zu sehen. Die lächerlich-unpassende Fahrstuhlmusik stammt von Joe Greene, dessen Song »Outa-Space« auch heute noch häufig in Filmen wie »Rush Hour 2« (Regie: Brett Ratner), »One Crazy Summer« (Regie: Savage Steve Holland), »Muppets from Space« (Regie: Tim Hill) oder »The Look of Love« (Regie: Michael Winterbottom) zu hören ist.

André Schneider