22. April 2015

Das Osterpaket, das meine Mutter am 31. März für mich in Hildesheim aufgab, kam gestern Nachmittag nach drei Wochen bei mir an. Muttern hatte regelmäßig online seinen Weg verfolgt und mit einer Mischung aus Belustigung und Befremdung festgestellt, dass es offenbar ständig zwischen Berlin und Hannover pendelte; mal wurde es hier umgeladen, dann dort gelagert, dann ging’s wieder zurück. So hat es immerhin ein wenig von der Welt gesehen, bevor es bei mir eintraf.
Für die »Männer« werde ich künftig nicht mehr schreiben. Meine letzten Honorare wurden nur teilweise überwiesen, und auf meine Erinnerungen und Mahnungen reagiert man neuerdings nicht mehr. Das ist erniedrigend und erinnert traurigerweise an Graz und andere vertragsbrüchige Arbeitgeber der letzten Jahre. Habe mich nunmehr entschieden, meine Nerven zu schonen und der Kohle nicht mehr nachzurennen, wennschon ich a) das Geld gut gebrauchen könnte und b) hart dafür gearbeitet habe. Welche Konsequenz ziehen wir daraus? Ich werde mich künftig nicht mehr ausbeuten lassen; auf diese Form der Erniedrigung kann man getrost verzichten.

One Deep Breath lief vorige Woche in Bordeaux, und im Mai sind Turin und Nizza dran. Mittlerweile gab es sogar die erste schlechte Kritik, und die kam — aus Deutschland, woher sonst? Der Rezensent Momo Rulez schreibt offen, er habe den Film von der ersten Minute an gehasst. Da er auf der Sachebene nicht argumentieren konnte, unterstellte er uns kurzerhand Transphobie. Antony, der seinen Doktor immerhin in Gender Studies gemacht hat, tobte. Ich erklärte ihm, dass diese eine Bösartigkeit nach rund 50 guten bis euphorischen Kritiken unwichtig sei und dass die Deutschen eigentlich nur in der Häme und im Hass wirklich aufgehen. Es zeigt, dass meine Entscheidung für Frankreich richtig war. Darüber hinaus gibt es Angebote aus den USA und Spanien. Dass ich wieder hier arbeiten werde, scheint mir immer unwahrscheinlicher. Der Masochismus ist mir im Grunde fremd.
Mein Spendenaufruf für den neuen Film war erfolgreich, bis heute kamen etwa 900 Euro zusammen. Nächste Woche treffe ich mein kleines Team zu den ersten Vorbesprechungen. Die fortwährenden Änderungen und Ausarbeitungen des Skriptes haben aus der Geschichte ein Geschichtchen werden lassen, doch vielleicht ist es genau das, was ich nach One Deep Breath brauche: die Reduktion, den Fokus auf das Wesentliche. War vor vier Jahren, als ich Le deuxième commencement vorbereitete, nicht anders.

Ansonsten ist der Frühling in allen Poren spürbar, die Luft duftet, die Kirschblüten sind beinahe schon welk. Begeistert höre ich Ryan Keens CD rauf und runter, und ab und an auch Niels Freverts letztes Album »Paradies der gefälschten Dinge«. In einem der Lieder singt er: »Und plötzlich wird meine Hand von deiner gehalten / Und plötzlich will ich irgendwann mal alt werden.« Das ist so einfach, so schön, so rührend, dass ich weinen muss und gleichzeitig tanzen möchte.
Von »Hin und weg« (Regie: Christian Zübert) war ich ganz, na ja, hin und weg eben. Zunächst einmal spielten beinahe ausnahmslos Leute mit, die man gerne sieht — Miriam Stein, Jürgen Vogel, Johannes Allmayer, Victoria Mayer —, und dann stimmte auch noch das Buch. Man kann lachen, weinen und sich freuen. Ich verliebte mich mal wieder in Julia Koschitz, Volker Bruch brach mir das Herz und Florian David Fitz… Ach, das ist ein Kollege, den ich gerne kennen lernen würde! Ein Großteil des Films entstand in Belgien, meinem Schatzland, das mir gerade mal wieder sehr fehlt.
Traf mich mit Daniel Aldridge, Connie, Sebastian D. und — nach vier Jahren des Nichtsehens — mit Ian H., der sich peinlicherweise so gar nicht verändert hat. Am Monatsanfang fühlte ich mich ohne rechten Grund traurig, niedergeschlagen, schwer. Dabei lief und läuft alles in allem gut: die Familie ist gesund und wir verstehen uns gut; der Nebenjob schlaucht, aber nicht zu sehr; das aktuelle Filmprojekt »läuft«, das vorige hastet von Erfolg zu Erfolg; die Lieblingseisdiele hat wieder Rhabarbersorbet und Gurken-Zitrone-Minze im Sortiment. Was will man mehr?
Auf bald, morgen folgt ein neuer Filmtipp.

André

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5 thoughts on “22. April 2015

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