Filmtipp #259: Die Nacht der tausend Augen

Die Nacht der tausend Augen

Originaltitel: Night Watch; Regie: Brian G. Hutton; Drehbuch: Tony Williamson, Evan Jones; Kamera: Billy Williams; Musik: John Cameron; Darsteller: Elizabeth Taylor, Laurence Harvey, Billie Whitelaw, Robert Lang, Tony Britton. GB 1973.

Night Watch

Ich konnte mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen und hatte mich schelmisch auf das Anschauen von »Night Watch«, Liz Taylors einzigem Horrorfilm, gefreut. Die Kritiken, die ich gelesen hatte, waren allesamt Verrisse, mal amüsant-bösartig, mal in beklagendem Ton geschrieben: »Ein misslungenes Beispiel für einen Psycho-Thriller. […] Die Taylor und […] Laurence Harvey sind in diesem zweitklassigen Werk meilenweit entfernt von der gepflegten Konfektionsware, die sie 13 Jahre früher mit ›Telefon Butterfield 8‹ abgeliefert hatten.« (»TV Spielfilm«)
Die Taylor hatte — mit der rühmlichen Ausnahme von »Who’s Afraid of Virginia Woolf« (Regie: Mike Nichols) — seit 1963 einen Flop nach dem anderen gedreht und damit ihre Karriere zusehends ins Aus befördert. Hinzu kam, dass sie seit »Cleopatra« (Regie: Joseph L. Mankiewicz) eine Mindestgage von einer Million US-Dollar pro Film verlangte und die meisten Regisseure nicht in der Lage waren, ihr overacting unter Kontrolle zu halten. 1973 war es also soweit, die mittlerweile 41jährige reihte sich in die Schar jener in die Jahre gekommenen Aktricen ein, die ihren erlahmenden Karrieren mit einem psychologischen Horrorstreifen wieder auf die Sprünge helfen wollten. Bei Bette Davis, Joan Crawford, Shelley Winters und Geraldine Page hatte das ganz gut funktioniert, bei Lana Turner, Tallulah Bankhead, Olivia de Havilland und Elizabeth Taylor nicht so: »Night Watch« war ein kolossaler Flop.

Als die DVD am Wochenende bei mir eintraf, war ich überrascht. Gut, der Film ist — bis auf die letzte Viertelstunde — recht vorhersehbar und arbeitet mit den üblichen Versatzstücken des Genres. Es gibt viele nächtliche Gewitter — praktisch den ganzen Film hindurch —, einen unheilvollen Zoom auf die Küchenmesser an der Wand — eines fehlt! —, gruselig wabernde Musik, knarrende Türen, laut zuknallende Fensterläden und hysterische Schreie. Das Spiel der Taylor ist für ihre Verhältnisse ungewohnt zurückhaltend und glaubhaft. Sie spielt eine Londoner Hausfrau — ihr britischer Akzent ist tadellos, ihre Valentino-Garderobe eine Spur zu erlesen für diesen Film —, die davon überzeugt ist, im gegenüberliegenden Haus einen Mord beobachtet zu haben. Doch weder die Polizei, noch ihr Mann (Laurence Harvey in seiner letzten Rolle, er starb kurz nach Beendigung dieses Films an Magenkrebs), noch ihre beste Freundin (die wunderbare, leider jüngst verstorbene Billie Whitelaw, Maurice) glauben ihr. Als wäre das nicht genug, wird die Ärmste auch noch von schrecklichen Alpträumen geplagt, in denen sie wieder und wieder mit dem Tod ihres ersten Ehemannes konfrontiert wird. Über lange Zeit fragen wir uns: Wird die Taylor allmählich verrückt? Führt ihr Mann etwas gegen sie im Schilde? Stecken er und ihre beste Freundin vielleicht sogar unter einer Decke? Dann aber kommt das blutige Finale, das auch dem geneigten Horrorfan noch eine gepfefferte Überraschung beschert und an dieser Stelle nicht verraten wird.

An »Night Watch« gäbe es eine Menge zu bekritteln und zu beanstanden. Natürlich verlässt sich Regisseur Brian G. Hutton etwas zu sehr auf die vordergründigen Effekte, zweifellos ist das Drehbuch — nach einem Bühnenstück der Krimiexpertin Lucille Fletcher — altbacken und über weite Strecken zu konventionell, und bestimmt agiert das Gros der Schauspieler zu routiniert und leidenschaftslos, um den Zuschauer wirklich vom Hocker zu reißen. Trotzdem dürfte der Streifen zu Taylors interessantesten Arbeiten nach »Virginia Woolf« gehören — und definitiv zu den unterhaltsamsten!
Mit Brian G. Hutton hatte Elizabeth Taylor zuvor bereits einen Film — »Zee and Co.« (1972) — gemacht. Um Steuern zu sparen, drehte die Schauspielerin in jenen Jahren vornehmlich in Italien und Großbritannien, und so war auch »Night Watch« vor Ort in London entstanden.

André Schneider

 

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