18. Januar 2015

Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, möglichst wenig über Politik zu schreiben. Nicht, weil mich das Weltgeschehen nicht beschäftigen oder bewegen würde, sondern weil ich a) finde, dass sich eh schon viel zu viele Leute äußern — und das nicht immer qualifiziert — und b) weiß, dass das andere mit profunderem Wissen besser können. (Ich möchte an dieser Stelle gerne Rayk Anders erwähnen, der wirklich fabelhafte Beiträge macht.) Wozu also noch eine weitere dissonante Stimme in den Chor einbringen? Selbstverständlich tausche ich mich mit Familie und Freunden über die Geschehnisse und Entwicklungen aus, oft stundenlang. Aber das ist privat und muss nicht mit der Öffentlichkeit geteilt werden. Ich blogge oft weit weniger intim, als meine Leserinnen und Leser annehmen.
Heute möchte ich auf vielfachen Wunsch ein paar Zeilen mit Euch teilen, die sich mit den Ereignissen der letzten Wochen befassen.
Zu Pegida habe ich geschwiegen, weil ich der Meinung bin, dass diese Leute bereits genug Aufmerksamkeit haben. Mittlerweile sind die Gegen-Demos größer und lauter als die der Pegidas. Was grundsätzlich gut ist. Lutz Bachmann ist ein obskurer Geselle, einfältig und gewaltbereit — was für eine Galionsfigur! Wenn man ein bisschen über ihn nachliest, weiß man im Grunde genommen alles, was man zum Thema Pegida wissen muss. Und trotzdem ist Pegida selbst nicht das Problem, sondern ein Krankheitssymptom. Und ob es einer Gesundung förderlich ist, Menschen, die sich ohnehin schon nicht ernst genommen fühlen, mundtot zu machen, zweifle ich an. Vermutlich zeugt es von einer markerschütternden Naivität, aber ich halte den Dialog, die Kommunikation für eine sinnvolle Methode, Konflikten beizukommen. Eine Demokratie — und nach der strebt man hierzulande schließlich — muss unterschiedliche Meinungen und Strömungen aushalten. Das kann man schon »im Kleinen« bei sich selber trainieren: Auch ich habe — als Linker — zahlreiche Freunde und Bekannte, die in vielerlei Hinsicht anderer Auffassung sind. Was ich an diesen Freunden schätze, ist das gegenseitige Bemühen um Verständnis und die unbedingte Möglichkeit des Gesprächs.
Was Religion, Esoterik, Glauben angeht, da sehe ich die Sache gleichwohl recht simpel. Stark vereinfacht: Uns alle einen im Kern zwei Dinge. Erstens: Jeder von uns wird früher oder später einen ihm nahe stehenden Menschen verlieren. Zweitens: Wir müssen alle sterben. Das Wissen um diese Tatsachen ist eine bittere Pille, die es zu schlucken gilt. Vielen spendet der Glaube an eine Höhere Macht — wie immer man sie auch nennen mag, Allah ist im Übrigen nichts weiter als das arabische Wort für Gott — Trost und Kraft. Auch geben Rituale wie der Gottesdienst oder das Gebet den Menschen Sicherheit. Dagegen ist erst einmal nichts zu sagen, auch wenn ich als Atheist diesen Glauben nicht teilen kann.
Nur: Religion sollte Privatsache sein! Glaube und Staat sollten nicht fusionieren, sondern klar getrennt sein! Niemand sollte andere Menschen »überzeugen« wollen, seinen Glauben zu teilen!
Oliver Kalkofe brachte es in einem kürzlich veröffentlichen Clip bewundernswert pointiert auf den Punkt: »Wenn es wirklich irgendeinen Gott gibt […], glaubt Ihr […], er braucht gerade Euch, damit Ihr all die Leute totmacht, die nicht exakt Euren Superdurchblick haben? Glaubt Ihr wirklich, dass diese allmächtige Gottesgestalt so unfassbar arrogant […] ist wie Ihr? Und so armselig, dass er Eure Hilfe benötigt? Und denkt Ihr wahrhaftig, dass belanglose Parolen brüllen und Unschuldige umbringen der wirklich so clevere Weg ist, um andere von Eurer ›Nächstenliebe‹ zu überzeugen? Kein einziger Glaube irgendeiner Religion wurde jemals von irgendwem auf der Welt bewiesen! […] Im Kern einer jeden Religion aber steht […] immer das Streben nach Liebe und Nächstenliebe […]. Warum ist dann aber die Religion seit Jahrtausenden der […] Hauptgrund für die meisten Kriege, Morde und gewaltsamen Auseinandersetzungen auf der Welt? Warum wird der Glaube von allen Idioten für die Gewalt missbraucht? […] Der Kern aller Glaubenskriege bleibt letzten Endes die Dummheit und die damit verbundene Selbstüberschätzung. Wer zu blöd ist, seine Argumente verbal vorzubringen […], der haut seinem Gesprächspartner eben die Fresse ein, um ihn am Sprechen zu hindern. Gewalt bedeutet immer die Bankrotterklärung der persönlichen Intelligenz.«
Das Traurige ist, dass es keine »friedliche Religion« gibt — wie es eben auch leider keine friedliche Menschheit gibt. Leider etablierte sich in jedem Glauben auch jene unglückselige Überheblichkeit, dass der eigene Glaube eben der einzig richtige sei und damit über allen anderen stehe. Der Missionierungsauftrag ist eine scheußliche Sache. Und wenn es tatsächlich einen Gott geben sollte — ich halte dies zwar für unwahrscheinlich, kann mich aber natürlich auch irren —, so kann ich mir nicht vorstellen, dass ihm oder ihr diese Blutbäder aus letztlich völlig egozentrischen Motiven gefallen würden — oder?
Man sollte jeglichen Religionsunterricht aus den Schulen verbannen — wer mag, kann ja nachmittags seine religiöse Bildung in Angriff nehmen — und durch Ethikunterricht ersetzen.
Ein religionsübergreifender ethischer Grundsatz, nach dem ein friedvolles Zusammenleben prima möglich wäre, ist und bleibt Kants kategorischer Imperativ, den ich an dieser Stelle gerne zitieren möchte: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.«
Wenn Euch das zu geschwollen klingt, haltet es einfach mit der Goldenen Regel, die schon Konfuzius über 500 Jahre vor Christus formulierte. Vereinfacht lautet die: »Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.«
Schwarz auf weiß sieht das so verflixt einfach aus!
In diesem Sinne wünsche ich Euch einen friedlichen Sonntag!

André

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4 thoughts on “18. Januar 2015

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