Filmtipp #237: The Old Dark House

The Old Dark House

Originaltitel: The Old Dark House; Regie: James Whale; Drehbuch: Benn W. Levy; Kamera: Arthur Edeson; Musik: David Broekman, Bernhard Kaun, Heinz Roemheld; Darsteller: Boris Karloff, Melvyn Douglas, Gloria Stuart, Charles Laughton, Raymond Massey. USA 1932.

The Old Dark House

James Whale, eigentlich nicht mehr als ein kleiner Vertragsregisseur bei den B-Studios von Universal, schuf ab 1931 einige Gruselfilme, die heute längst Klassiker des Genres sind: »Frankenstein« (1931), »The Invisible Man« (1933) und »Bride of Frankenstein« (1935, mit Elsa Lanchester) sind aus der Filmgeschichte nicht wegzudenken. Er machte Boris Karloff und Gloria Stuart zu Stars, und der Produzent Carl Laemmle gab dem kreativen Kopf alle künstlerischen Freiheiten. Leider versiegte die Karriere des offen schwulen Filmemachers bereits um 1940 herum, und die letzten Jahre — welche das Biopic »Gods and Monsters« (Regie: Bill Condon) mit Ian McKellen inspirierten — waren schmerzhaft für James Whale. Er nahm sich 1967 in seinem Swimmingpool das Leben.
1932 gelang Whale, einmal mehr unter der Leitung von Laemmle, mit »The Old Dark House« (im deutschen TV unter dem Titel »Das Haus des Grauens« gelaufen) eine kleine schwarzhumorige Perle des Gruselfilms. Der Schauplatz ist Wales. Ein tobender Sturm und starke Regenfälle zwingen eine Gruppe Reisender dazu, Zuflucht ein einem abgelegenen Haus zu suchen, das schon auf den ersten Blick eher seltsam und alles andere als einladend wirkt. Morgan (Karloff), der stumme Diener des Hauses, macht einen Furcht einflößenden Eindruck, und die Hausherren, das Geschwisterpaar Femm (Ernest Thesiger, Eva Moore), scheinen wahnsinnig zu sein. Den unfreiwilligen Hausgästen steht eine stürmische Nacht voller unliebsamer Überraschungen hervor…
Ein wahrhaft erlesener Grusel, ebenso schön wie fein, mit einigen pfiffigen Einfällen. So wird der 102 Jahre alte Vater der Femms von einer Frau (Elspeth Dudgeon) gespielt, da Whale in ganz Hollywood keinen so alten Schauspieler fand. Raymond Massey (Kanadier) und der junge Charles Laughton (Engländer), der hier aussieht wie Tilly Creutzfeldt-Jacob in zivil, gaben mit diesem Streifen ihren Einstand in den Vereinigten Staaten.

Es sind die komischen, oft bizarren Dialoge, die »The Old Dark House« angenehm von den anderen Universal-Horrorfilmen der 1930er abheben. Sein schwarzer Humor machte den Streifen in Großbritannien zu einem Hit, während ihm in seinem Entstehungsland kein Erfolg beschieden war. 1963 erstand William Castle die Rechte an J. B. Priestleys Roman und drehte ein als Komödie angelegtes Remake. Zu dieser Zeit galt Whales Originalverfilmung bereits als verschollen. Erst 1970 wurden die Filmrollen wiederentdeckt, doch da Castle nach wie vor die Rechte an dem Stoff innehatte, durfte Whales Film bis 1994 weder aufgeführt noch im Fernsehen ausgestrahlt werden. Auch heute noch ist die Castle-Version die bekanntere, während den Whale-Film in der Regel nur Cineasten kennen.
Gloria Stuart drehte in den frühen Dreißigern gleich mehrere Filme mit James Whale; dies war der erste — ein Achtungserfolg für die junge Vertragsschauspielerin, die sich aus Frustration über ihre gleich bleibenden Rollen in Hollywood 1946 ins Privatleben zurückzog. Nach einer längeren Berufspause kehrte die Aktrice in den späten Siebzigern in ihren Beruf zurück und wurde mit James Camerons »Titanic« (1997) im Alter von 87 Jahren zum Star. In »The Old Dark House« war die damals 21jährige vor allem eins: klassisch schön. Sie durfte als einzige Schauspielerin weiße Seide tragen, damit sie, wie Whale es formulierte, »aussieht wie eine leuchtende Flamme, wenn sie von Karloff durch die große Halle gejagt wird«. Stuart starb 2010 im Alter von 100 Jahren friedlich in ihrem Haus in Kalifornien.

Eine Stimme der Kritik: »Eine Rarität des Horrorfilms — schaurig-schön und voll schwarzer Ironie. […] Durch Licht- und Schattenspiele, Schockeffekte und sarkastisch-bedrohliche Dialoge schafft Whale es, die Stunden bis zum Morgengrauen so mit Psycho-Terror zu sättigen, dass das Schrecklichste zu erwarten ist.« (Willi Bär, »Spielfilme 89«)

André Schneider

 

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4 thoughts on “Filmtipp #237: The Old Dark House

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