Filmtipp #235: Amer

Amer

Originaltitel: Amer; Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani; Drehbuch: Bruno Forzani, Hélène Cattet; Kamera: Manu Dacosse; Musik: Bruno Nicolai, Stelvio Cipriani, Ennio Morricone; Darsteller: Cassandra Forêt, Charlotte Eugène Guibbaud, Marie Bos, Bianca Maria D’Amato, Harry Cleven. Frankreich/Belgien 2009.

Amer

Ein flirrendes Traumspiel über das Erwachen weiblicher Sexualität gelang dem belgischen Regie-Duo Cattet und Forzani, das drei Episoden aus dem Leben von Ana erzählt: Als Kind, zwischen Angst und Neugier pendelnd, wandert sie unmittelbar nach dem Tod des Großvaters durch dessen düster-verwunschenes Haus; als Jugendliche erfährt sie während eines schwül-heißen Sommerurlaubs in Südfrankreich erstmalig das Gefühl des Begehrtwerdens, sie genießt die Blicke der Männer und wird für ihre Wollüstigkeit sogleich von ihrer Mutter (Bianca Maria D’Amato) geohrfeigt; als junge Erwachsene schließlich verwischen für Ana die Ebenen von Traum und Realität völlig, so dass sie, als sie sich eines Nachts in ihrem Elternhaus einer direkten physischen Bedrohung ausgesetzt sieht, unfähig ist zu handeln.
»Amer« (zu Deutsch: bitter) ist in seiner delirierenden Sinnlichkeit geradezu verstörend. Die Filmemacher entfächern peu à peu einen surreal-rauschhaften Bilderbogen über Lust und Tod. Sie bedienen sich dabei den Stilmitteln des klassischen Giallo, jener wunderbaren italienischen Spielart des Thrillers, die sich vor allem in den Sechzigern und frühen Siebzigern größter Popularität erfreute. Ein wiederkehrendes Motiv der Gialli waren zum Beispiel die schwarzen Lederhandschuhe des Killers. Cattet und Forzani geizten mit Referenzen nicht, sie übernahmen sogar einige Originalmusiken von Cipriani, Nicolai und — wie sollte es anders sein — Morricone, um ihre detailverliebte Hommage abzurunden. Ein Film wie ein Mosaik für Cineasten. Über weite Strecken frei von Dialog und Musik, spielen die bemerkenswert abgemischten Geräusche eine zentrale Rolle: die Schritte auf sandiger Straße, das Meer in der Ferne, das Knautschen des Leders, knarrende Türen, Wind in den Baumkronen. Alles verdichtet sich zu einer Atmosphäre der ungreifbaren Bedrohung. Dazu »malt« Kameramann Manu Dacosse Bilder, die direkt aus den besten Werken Dario Argentos, Lucio Fulcis, Mario Bavas oder Sergio Martinos geklaut sein könnten.
Es geht um Spiegelungen; am Ende ist Ana ihr eigener größter Feind, »Amer« ist, je länger er dauert, für den Zuschauer eine wild-betörende Stimulation. Wenn die jugendliche Ana (hervorragend gespielt von Charlotte Eugène Guibbaud) beinahe wie in Zeitlupe durch das Heer der Spalier stehenden Männer schreitet und sich an ihren lüsternen Blicken labt, wird die Straße zum Laufsteg. Spiegelbilder der Männerkörper, die sich im satten Rot der aufröhrenden Sportwagen reiben. Bilder-Stakkatos explodieren wie im Rausch zu fein gezirkelten Totalen, um sich dann in fast gewalttätigen Groß- und Detailaufnahmen, durch die in der grellen Sonne obszön der Schweiß perlt, zu verdichten: Ana zieht ihr kurzes Röckchen geziert-kess nach unten, um ihre Scham zu bedecken, fährt sich lolitahaft mit der Zunge über die Lippen — eine wahre Sternstunde des erotischen Arthaus-Kinos!

André Schneider

 

Advertisements

10 thoughts on “Filmtipp #235: Amer

  1. Pingback: André schreibt für »Séparée« | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  2. Pingback: 13. März 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  3. Pingback: Filmtipp #428: Das Parfüm der Dame in Schwarz | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  4. Pingback: 1. April 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  5. Pingback: 7. Mai 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  6. Pingback: Filmtipp #485: Francesca | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  7. Pingback: Filmtipp #490: Der Tod trägt schwarzes Leder | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  8. Pingback: Filmtipp #546: Der Satan mit dem Skalpell | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  9. Pingback: Filmtipp #558: Der Schwanz des Skorpions | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  10. Pingback: Filmtipp #560: Your Vice is a Locked Room and Only I Have the Key | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s