16. Juni 2014

»Ich habe Lust auf einen richtig schlechten Film«, sagte ich zu Daniel Aldridge, »am besten in 3D.« — Also sahen wir uns am Samstag »Godzilla« (Regie: Gareth Edwards) an. Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht, es war ein wirklich schlimmer Film. Außer lautem Getöse und Effekten kam nichts rüber, daran änderte auch Bryan Cranstons beherzter Auftritt nichts. Die arme Juliette Binoche (Damage), die inzwischen aussieht wie die ältere Audrey Hepburn, ist bereits nach wenigen Minuten tot gewesen, und Aaron Taylor-Johnson (Angus, Thongs and Perfect Snogging) hat mich als Actionheld eher irritiert. Sauer waren wir nicht, wir haben streckenweise sogar herzhaft lachen müssen — und das, obwohl der Film völlig humor- und ironiefrei seines Weges rollt —, aber am Ende trauerte ich schon meinem Eintrittsgeld nach; die 14 Euro hätten am Kinotag locker für zwei Filme gereicht.
     Nach dem Kino habe ich noch für Daniel gekocht, kurz darauf stieß Ute Gliwa, die Herausgeberin von »Séparée«, zu uns, und wir hatten einen richtig gemütlichen Abend. Wir hingen alle ein wenig durch, von den Temperaturschwankungen und der Arbeit ausgelaugt, aber über Synapsenfaulheit konnten wir nicht klagen. Oft habe ich das Gefühl, dass zwischen wirklich guten Gesprächen kleine Ewigkeiten liegen, jedenfalls fiel es mir schwer, mich hinterher an die letzte wirklich fruchtbare Unterhaltung zu erinnern. — Bei dieser Gelegenheit möchte ich all meinen Leserinnen (und auch Lesern!) ein »Séparée«-Abo ans Herz legen. Dieses Magazin ist mit so viel Sorgfalt und Liebe gemacht, so stilsicher gestaltet und layoutet, dass man es gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Gut recherchierte Artikel, spannende Interviews, stimulierende Fotostrecken; das perfekte Equivalent zum »Playboy«. Bin jetzt schon gespannt auf die zweite Ausgabe und habe meiner Mutter bereits ein Abonnement geschenkt.
     Gestern war ich mit Gérard und Roland zum Picknicken auf der Halbinsel Stralau, direkt am Wasser. Ein Wasserflugzeug kam und ging, Tret- und Ausflugsboote fuhren vorbei, ein paar Radfahrer. Himmel, was für ein schönes, ruhiges Fleckchen Berlin, ungetrübtes Idyll. Im Anschluss versackte ich noch für zwei Stunden bei Gérard, der mich mit Musik fütterte. Dann heimwärts und früh ins Bett…

Geschmacklosigkeit in der Schönleinstraße.

Geschmacklosigkeit in der Schönleinstraße.

Der Tod von Jimmy Scott hat mich betrübt. Sicher, er war schon 88 und starb friedlich im Schlaf, aber er war eine Lichtgestalt, die mich immer wieder im tiefsten Innern zu berühren vermochte. Seine Version on »Nothing Compares 2 U« ist die mit Abstand beste gewesen, ganz zu schweigen von »Sycamore Trees« von Badalamenti. Was für ein Künstler! Vor wenigen Wochen starb ja auch Maya Angelou, die große Schriftstellerin aus St. Louis, die stets so klare, weise Worte fand. Auch sie war ein Mensch gewesen, der endlos Inspiration verströmte. Während ich diese Zeilen schreibe, spielt »Holding Back the Years«, Jimmy Scotts legendäres Album mit Songs von John Lennon, Bryan Ferry, Elton John, Elvis Costello, Mick Hucknall, Prince und anderen, im Hintergrund.
     Die letzten Sitzungen bei Dr. F. liegen bald ein Jahr zurück. Phasenweise denke ich, ich sollte ihn wieder aufsuchen, dann wieder bin ich gewiss, die Schatten im Griff zu haben. Die Erschöpfung lässt vieles trüber aussehen, als es eigentlich ist. Vermutlich bin ich einfach nur urlaubsreif. Oder vielmehr überreif. (Namibia liegt schon über sechs Jahre zurück!)
     Überall Deutschland-Fahnen und Brüllchöre. Wer nichts hat, auf das er stolz sein kann, hat immerhin den Patriotismus. Ich fürchte, ich verstehe das. Trotzdem liegt mir der bei solchen Ereignissen — ob Fußball-WM, Olympia oder Eurovision Song Contest — aufflammende Nationalismus schwer im Magen. Das mäandert irgendwo zwischen idiotisch und gefährlich. Auf etwas stolz zu sein, bei dem lediglich der Zufall die Finger im Spiel hatte — Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Sexualität und so weiter —, finde ich bescheuert. Nicht falsch verstehen, es ist völlig okay, Deutscher (Engländer, Niederländer, Spanier, Franzose etc.) zu sein — nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Exakt dasselbe trifft auch aufs Schwulsein und die Regenbogen-Fahnen zu; ein kleiner Gruß an die pride week! Der törichte Gedanke, man könne Menschen gewaltsam zur »Toleranz« — ein schreckliches Wort übrigens! — zwingen, indem man seinen Narzissmus und andere Persönlichkeitsstörungen penetrant zur Schau stellt, entlockt nicht mal mehr ein Lachen. Ich weigere mich zu glauben, dass Menschen tatsächlich so dumm sind. Es ist natürlich toll, wenn man feiern möchte. Aber es unter einem erzwungen-pseudogesellschaftspolitischen Deckmäntelchen zu tun, ist doch ziemlich infam — oder nicht? Gerade, wenn man im Vorfeld ein so egozentrisches Kampfhennengebaren an den Tag gelegt und sich gegenseitig öffentlich zerfleischt hat.
     Werde mich nun wieder an die Arbeit machen. Alexander Moitzi wird bei What Spring Does with the Cherry Trees dabei sein, worüber ich mich freue, und Antony hat mich gebeten, in seinem neuen Kurzfilm den Erzähler zu geben. Und soll ich Euch was sagen? Heute Abend gibt es Pellkartoffeln mit einem selbst gemachten Käse-Knoblauch-Dip. Kommt gelassen durch diese Woche.

André

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