10. Juni 2014

Cosimo verhandelt gut. USA und England sind an einem Verleihgeschäft interessiert, die Festivalanfragen reißen nicht ab. Die einzige Absage bislang kam — Ihr ahnt es! — aus Deutschland. Alle waren überrascht, ich nicht. Schließlich ist One Deep Breath keine Komödie. Antony schrieb mir ganz folgerichtig: »Fuck Germany, then!« — Meine Antwort: »I’ve been desperately trying to fuck it for over 23 years now, but this little bugger is still way too bloody tight.«
     Die Jahre des Anbiederns haben mich, was Deutschland angeht, indifferent werden lassen. Ob wir hier laufen werden oder nicht — so what? Das ist keine Überheblichkeit und auch kein Trotz. Mittlerweile denke ich, jedes Publikum kriegt die Filme, die es verdient. (Oder umgekehrt: Jeder Film findet das ihm gemäße Publikum.) Und das letzte Wort ist ja auch noch nicht gefallen. Wer weiß, vielleicht möchte in ein, zwei Jahren ein deutscher Verleih unser Baby haben? Anders als Antony bin ich in dieser Hinsicht gelassen und entspannt. Was mich peripher wurmt, sind die Flugkosten, die höchstwahrscheinlich auf mich zukommen werden, wenn ich den Festivals in Italien, Frankreich, Portugal und der Schweiz beiwohnen möchte.
     Während ich versuche, in What Spring Does with the Cherry Trees Liebesgedichte in Bilder zu fassen, bereitet Antony seinen neuen Film »Where Horses Go to Die« vor. Es wird auch eine Rolle für mich geben; ich habe Antony gesagt, dass ich für ihn alles stehen und liegen lassen und da sein werde, wenn er ruft. Schließlich und endlich ist es auch eine Form von Liebe, die uns hier verbindet, und ich denke doch, dass ich ein sehr guter Liebhaber bin!

Herr von und zu sonnt sich.

Herr von und zu sonnt sich.

Heute ist der bislang heißeste Tag des Jahres, auf meinem Balkon sind es 38 Grad. Chelito lässt sich den Kugelbauch bräunen, ich erwarte das kühlende Abendgewitter. Seit Tagen werde ich von penetranten Kopfschmerzen gemartert. Natürlich ist das auch der Schlafmangel — morgen ist mein erster (und einziger) freier Tag seit einer Woche —, vor allem jedoch die drückend schwüle Hitze. Literweise kippe ich Wasser, Saft, Buttermilch und Tee in mich rein; feste Nahrung kann ich — wenn überhaupt — nur spätnachts zu mir nehmen.
     Seit Tagen denke ich ganz berauscht an einen besonders guten Film zurück: »Amer« (Regie: Hélène Cattet & Bruno Forzani), eine liebevoll-kunstfertige Hommage an die Gialli der Sechziger und Siebziger. Man nahm die Grundformel — »Stil über Substanz« —, orientierte sich optisch an Dario Argento und Mario Bava, spielte virtuos mit den klassischen Giallo-Elementen — schwarze Lederhandschuhe, Rasierklingen, Nacktheit —, übernahm die Originalmusiken von Stelvio Cipriani bis Ennio Morricone, schuf aber keinen Giallo im eigentlichen Sinne, sondern eine ins Phantastische gehende Parabel über das Erwachen weiblicher Sexualität. Es wird, ähnlich wie in Finchers Zodiac, das Genre des Thrillers gestreift, es gibt Elemente, die »Amer« (wörtliche Übersetzung des Wortes: »bitter«) als Horrorfilm klassifizieren könnten, und trotzdem steht der Film ganz und gar für sich und fällt in kein gängiges Genre. Ein vielfarbiges, aufregendes, sinnliches Mosaik. So erotisch fand ich schon lange keinen Film mehr!
     An einer U-Bahnstation stand ich vorige Woche einem Dämon aus der Vergangenheit gegenüber. (Leser der VIP Lounge wissen mehr.) Ich hatte ihn zuerst gar nicht erkannt. Kokain und Crystal Meth lassen Menschen einfach schnell und schlecht altern. Zunächst war ich erschrocken, dann musste ich schmunzeln, später dann tat er mir leid; er sah unglücklich und noch bösartiger aus als früher. Karmisch gesehen ist das ganz logisch, und die Chinesen sagen, dass man im Alter das Gesicht bekommt, das man verdient hat.
     Soviel von mir. Werde am Wochenende der Backofenhitze ein Schnippchen schlagen und mal zum Müggelsee fahren, um ein wenig zu plantschen. Genießt die Sonne, so Ihr könnt, und esst ein Eis für mich mit.

André

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One thought on “10. Juni 2014

  1. Pingback: Filmtipp #490: Der Tod trägt schwarzes Leder | Vivàsvan Pictures / André Schneider

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