Filmtipp #209: Venus im Pelz (2013)

Venus im Pelz

Originaltitel: La Vénus à la fourrure; Regie: Roman Polanski; Drehbuch: Roman Polanski, David Ives; Kamera: Pawel Edelman; Musik: Alexandre Desplat; Darsteller: Emmanuelle Seigner, Mathieu Amalric. Frankreich/Polen 2013.

la venus a la fourrure

Dass er sich auf ebenso minimalistische wie ungewöhnliche Kammerspiele versteht, hat Polanski im Laufe seiner Karriere immer wieder unter Beweis gestellt: Schon sein erster Langfilm, »Nóż w wodzie« (1962), verfrachtet drei Menschen auf ein Segelboot, wo sie sich alsbald in haarsträubend spannenden Macht- und Rollenspielen wiederfinden; in »Death and the Maiden« (1996) liefern sich die drei Protagonisten ein Psycho-Duell auf engstem Raum, diesmal ist es ein abgelegenes Haus irgendwo in Südamerika; in »Carnage« (2011) treffen vier menschliche Monster in einem New Yorker Apartment aufeinander, um sich zu zerfleischen.
     »La Vénus à la fourrure« führt zwei Personen — einen Regisseur und eine Schauspielerin — in einem leeren Theater zusammen und erstreckt sich über einen Abend. Polanski schafft eine theatralische Einheit von Raum und Zeit und denkt gar nicht daran, das Gefüge filmisch aufzubrechen. Ein Wagnis — gerade heutzutage! Ein weniger bekannter Regisseur hätte mit ziemlicher Sicherheit gar nicht erst die Mittel gestellt bekommen, einen solchen Film zu drehen. Das Ergebnis, 2013 in Cannes uraufgeführt, kann sich in jeder Hinsicht sehen lassen. Polanski inszenierte mit der ihm eigenen Sorgfalt und Finesse. Seine exzellenten Schauspieler loten den Humor des Textes bis an seine Grenzen aus und genießen sichtlich ihre Entfaltungsfreiheit. Der Streifen wurde unter anderem für sieben Césars nominiert, von denen er lediglich einen (für die Beste Regie) abstauben konnte.
     Nicht der berühmte Roman von Sacher-Masoch, sondern das erfolgreiche Bühnenstück des Broadway-Autors David Ives bildet die Grundlage für Polanskis schelmischen Kommentar zum postfeministischen Geschlechterkampf. Wo könnte dieser besser ausgetragen werden als auf einer Bühne? In einem abgeranzten Pariser Theater will der entnervte Regisseur Thomas (Amalric) nach einem langen, ergebnislosen Casting-Tag endlich Feierabend machen. Für sein neuestes Stück, einer Adaption von »Venus im Pelz«, scheint sich einfach keine geeignete Hauptdarstellerin finden zu lassen. Plötzlich steht Wanda (Seigner) vor ihm, Stunden zu spät, vom Regen durchnässt, vulgär Kaugummi kauend. Sie bettelt regelrecht darum, für die Rolle vorsprechen zu dürfen. Widerwillig lässt Thomas sich darauf ein, obwohl er die arbeitslose Schauspielerin vom ersten Moment an nicht ausstehen kann. Doch dann, nach den ersten paar Textseiten, ist er fasziniert von ihrem Können. Die beiden proben weiter — und gleiten auch als Privatpersonen immer tiefer in die Strukturen des Stückes hinein. Auf der Bühne entspinnt sich ein Machtspiel zwischen Mann und Frau…

Weniger ist eben mehr: Für mich ist »La Vénus à la fourrure« der mit Abstand beste Polanski-Film seit »Death and the Maiden« vor fast 20 Jahren. (Ich schrieb hier bereits kurz darüber.) Eine besonders ironische Fallhöhe bekommt der Film dadurch, dass der erfrischend zurückhaltend agierende Mathieu Amalric wirklich frappierende Ähnlichkeit mit Polanski hat und die weibliche Hauptrolle ausgerechnet von dessen Gattin gespielt wird. Die 47jährige Emmanuelle Seigner, die von Kritikern oft hämisch belächelt oder gar verspottet wurde, trat hier den endgültigen Beweis an, was für eine begnadet komische Charakterdarstellerin sie ist. Mit Amalric hatte die Aktrice vor einigen Jahren bereits in »Le scaphandre et le papillon« (Regie: Julian Schnabel) gespielt, für ihren Mann stand sie in »La Vénus à la fourrure« nach Frantic, »Bitter Moon« (1992) und The Ninth Gate bereits zum vierten Mal vor der Kamera; interessant, ihre stetige Weiterentwicklung zu beobachten.
     Eine besondere Erwähnung muss Alexandre Desplat erhalten, dessen grandiose Musik im Laufe der Handlung praktisch zu einer dritten Person im Gefüge wird.
     Ein kleiner Film vielleicht, aber trotzdem ein ganz großer Wurf!

André Schneider

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Filmtipp #140 bis #143: Polanski in Großbritannien
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11 thoughts on “Filmtipp #209: Venus im Pelz (2013)

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