Filmtipp #204: Prisoners

Prisoners

Originaltitel: Prisoners; Regie: Denis Villeneuve; Drehbuch: Aaron Guzikowski; Kamera: Roger A. Deakins; Musik: Jóhann Jóhannsson; Darsteller: Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Viola Davis, Maria Bello, Melissa Leo. USA 2013.

prisoners

Nicht mehr, nicht weniger als der beste Thriller des vergangenen Jahres ist diese fast 150minütige tour de force des frankokanadischen Regisseurs Denis Villeneuve, in dem ein phantastisch aufspielendes Schauspieler-Ensemble Schicht für Schicht eine zutiefst erschütternde Tragödie freilegt.
     Der Beginn unterscheidet sich nicht besonders von anderen Psychothrillern: Die Familien Dover und Birch verbringen ein gemütliches Thanksgiving miteinander. Es wird gekocht, gegessen, viel gelacht und musiziert. Die Kinder spielen miteinander oder hängen vorm Fernseher ab, während die Erwachsenen im Wohnzimmer klönen. Nach dem Essen wollen die beiden jüngsten Mädchen Anna und Joy noch ein wenig draußen spielen — und verschwinden spurlos. Der Sohn der Dovers, Ralph (Dylan Minnette), erinnert sich, ein paar Straßen weiter ein parkendes Wohnmobil gesehen zu haben; einige Stunden zuvor hatten die beiden Mädchen dort gespielt, und er hatte den Eindruck, als säße jemand im Wohnmobil und beobachte sie. Es scheint, als wäre für Keller Dover (Jackman) und seine Frau Grace (Bello) der schlimmste Alptraum wahr und ihr kleines Mädchen entführt worden. Der ehrgeizige Detective Loki (Gyllenhaal, Zodiac) wird mit dem Fall betraut und macht schon sehr bald das verdächtige Wohnmobil ausfindig. Sein Versuch, den Fahrer — einen gewissen Alex Jones (Paul Dano) — aus dem Wagen zu locken, kulminiert in einem Unfall, als dieser in Panik gerät und frontal gegen einen Baum fährt. In den folgenden Verhören stellt sich heraus, das Alex geistig auf dem Niveau eines Zehnjährigen stehen geblieben ist und allein deswegen nicht in der Lage gewesen wäre, eine so ausgeklügelte Entführung zu bewerkstelligen. Die Polizei setzt den jungen Mann wieder auf freien Fuß, doch Keller Dover beharrt auf dessen Schuld, setzt ihm nach und nimmt das Gesetz selbst in die Hand: Er schleppt Alex in ein verwaistes Haus und foltert ihn, um den Aufenthaltsort seiner Tochter zu erfahren, denn die Uhr tickt. Während Keller und Franklin Birch (Terrence Howard) den mutmaßlichen Täter drangsalieren, brechen ihre Frauen — die großartige Viola Davis spielt Franklins Ehefrau Nancy —, ihrem Schmerz alleine überlassen, vollkommen zusammen.

Dies ist nur das Grundgerüst des vielschichtigen Meisterwerks, in dem jeder Opfer und Täter zugleich ist. Jedes weitere Wort zum Inhalt wäre zuviel. Aber der Zuschauer ahnt schon nach der ersten halben Stunde, dass das nicht gut ausgehen kann. Zwischen Hochspannung und Entsetzen verharrt man die zweieinhalb Stunden bis zum bitterbösen Ende. Villeneuve räumt jeder Figur angemessenen Raum ein, lässt uns den Schmerz der Opferfamilien, ihre Tag für Tag größer werdende Verlustangst, spüren, und bebildert die quälende Ungewissheit mit subtiler Metaphorik: Die regennassen Straßen, die Herbsttristesse, die an und für sich betörend schöne Waldidylle — das alles wird in »Prisoners« zu einer Kulisse des Horrors. Um die Finesse des Streifens wirklich zu erfassen, ist ein mehrmaliges Schauen unumgänglich.
     Die Kritiker zeigten sich weltweit begeistert. So schwärmte beispielsweise die »Berliner Zeitung«: »Blicke und Details verfolgen den Zuschauer noch lange nach diesem Film, ebenso wie die Gewalt der Geschichte und die Bilder des Kamera-Veteranen Roger Deakins. ›Prisoners‹ lässt tief in menschliche Abgründe gucken. Mit seltener Wucht skizziert Denis Villeneuve, wie weit Leute zu gehen imstande sind, deren Leben von Obsessionen und Verbrechen bestimmt werden.«
     Kameramann Deakins, einer der besten seines Fachs, erhielt für »Prisoners« seine bereits elfte Oscarnominierung, ohne die begehrte Auszeichnung in Empfang nehmen zu können. Der kommerzielle Erfolg stand dem künstlerischen nicht nach: Den 46 Millionen US-Dollar Produktionskosten stand ein Einspielergebnis von rund 125 Millionen gegenüber.

André Schneider

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5 thoughts on “Filmtipp #204: Prisoners

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