9. Mai 2014

War die vorige Woche noch eher spröde verlaufen, so kann ich die erste Maiwoche nun geradezu spritzig nennen. Mutters Operation am Dienstag verlief komplikationsfrei; seit 2010 sind wir Krankenhäusern gegenüber leider sehr skeptisch geworden, insofern empfanden wir den guten Verlauf der Sache jetzt doppelt positiv. Der Besuch meiner Schwester diese Woche war zugleich sehr schön — wir verbrachen wirkliche quality time zusammen —, aber auch erschütternd, denn sie erzählte viel von Zuhause, Geschichten von unseren Eltern, von denen ich wieder einmal keinen blassen Schimmer hatte. Mutter sagt am Telefon immer, es sei »alles in Ordnung« oder »beim Alten« oder »prima«. Details würden jetzt zu weit führen, aber wenn ich schreibe, ich war erschüttert, dann meine ich das so.
     Vor dem Hintergrund meiner Gespräche mit Nadine war die Berlin-Premiere von »Rosie«, Marcel Gislers erstem Kinofilm seit 15 Jahren, ein ganz besonderes Erlebnis — und ganz sicher nicht nur für mich. Ich war der spontanen Einladung eines Freundes in die Kulturbrauerei gefolgt, ohne allzu viel über den Film gelesen zu haben; selbst den Trailer hatte ich nicht gesehen. Was Nadine und ich dort auf der Leinwand sahen, ähnelte unserer eigenen Geschichte so sehr, dass wir uns oft wissend ansahen. Es passiert nicht oft, dass etwas so Wahrhaftiges im Kino geschieht — der richtige Film zum richtigen Zeitpunkt mit der richtigen Begleitung. Wir waren tief bewegt, haben gelacht und vor Rührung beinahe geweint. Man kann diesen Film — wie Die blaue Stunde und »F. est un salaud« (1998) auch — über den Klee loben, vom Facettenreichtum und der Stimmigkeit des Drehbuches, der geschliffenen Eleganz der Dialoge (und der »unausgesprochenen Dialoge«), dem Tempo, dem Bildaufbau, der Ausstattung, der ausgefeilten Farbdramaturgie und der einwandfreien Schauspielführung schwärmen, würde ihm damit jedoch bei weitem nicht gerecht werden. Jedem Detail von »Rosie« wohnt jene liebevolle Sorgfalt inne, die schon Gislers frühere Filme auszeichneten. Sollte Euch der Film in einem Kino in Eurer Nähe über den Weg laufen, so schaut ihn. Wenn möglich, dann im schweizerdeutschen Original mit Untertiteln.
     Nach dem Film lernte ich Marcel Gisler kennen. Er ist wie seine Filme: klein und fein, klug und charmant. Ein intensives Gespräch mit der Schauspielerin Judith Hofmann, die mich an Sascia Haj erinnerte und eine wirklich tolle Rolle in »Rosie« innegehabt hatte. Dann traf ich Franz Werner. Pascal Yorks war quirlig und hatte viel zu erzählen, Sebastian Ledesma war schnuckelig und flirty wie im Film, und ich hatte die Gelegenheit, ein paar Worte mit einer der besten Cutterinnen des Landes, Bettina Böhler, zu wechseln. Gegen zwei Uhr morgens war ich so selig — vom Rotwein, von den 23 Stunden Wachsein, vom Film, von den Gesprächen —, dass ich mit den allerbesten Gedanken ins Hochbett kletterte und sofort einschlief.
     Nach Nadines Abreise verbrachte ich beinahe den ganzen Donnerstag im Bett, raffte mich immer nur kurz auf, um Notizen zu machen, etwas zu schmökern oder um mit Chelito spazieren zu gehen. Heute bin ich ab 13 Uhr am Schnittplatz und arbeite weiter an What Spring Does with the Cherry Trees, um 19 Uhr hole ich Ottokar Lehrner ab, und ab 20 Uhr stehe ich im Radio wieder Daniel Aldridge Rede und Antwort. Es wird natürlich vor allem um den »Salon Frivol« gehen. Ich hoffe, Ihr schaltet ein (Frequenz: 92,6 (Kabel)) und hört zu, wenn ich mit meinen Lippen den Schaumstoffüberzieher des Mikrophons streichle. Später am Abend werde ich im Imperial Club in der Friedrichstraße feiern. Barbie hat geladen, und da ich morgen frei habe, werde ich heute mal ein wenig Spaß haben.
     Gleitet gut ins Wochenende, am Sonntag gibt’s wieder einen Filmtipp.

André

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4 thoughts on “9. Mai 2014

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