11. April 2014

Gerade erinnere ich mich an eine witzige Begebenheit bei meinen Eltern vor ein paar Jahren. Im Badezimmer fiel mir eine beachtenswerte Batterie von Pflegeprodukten, Cremes und Gels, Augenmasken und kleinen Proteinrollern gegen Augenringe ins Sichtfeld. Ich klopfte meiner Mutter auf die Schulter und sagte: »Mensch, Mutti! Du fährst ja richtig auf!«, woraufhin diese mich mit einer amüsierten Müdigkeit im Blick ansah und antwortete: »Das gehört alles deinem Vater!« — Noch Fragen? Kleines Geständnis: Ich stehe auf die Masque Argile von Cattier. Gelbe Heilerde, herrlich wohlduftend. Danach hat man so schön weiche Haut. Hätte selbst nie gedacht, dass ich solche Produkte mal verwenden würde. Nur leider wird meine Haut immer trockener, ich muss langsam was tun. Meine verstorbene Oma streichelte mir immer so gern übers Gesicht, als ich noch klein war; ich hätte so schöne Haut, das läge ganz sicher an der vielen Milch, die ich trinke. 30 Jahre später hilft auch die nicht mehr, nach der Gesichtsmaske trage ich auch noch Feuchtigkeitscreme auf. Bei meinem nächsten Paris-Trip werde ich mich wieder bei Sabon eindecken müssen, dort gibt es meine liebsten Lotionen und Öle. In Berlin haben wir nichts, das damit zu vergleichen wäre, aber immerhin ist die Lavendel-Thymian-Bodylotion von J. S. Douglas Söhne ganz gut verträglich und riecht nicht zu aufdringlich.
     Meine Haare habe ich nun zwei Jahre wachsen lassen, sie reichen mir bereits bis zwischen die Schulterblätter. In Kombination mit dem Vollbart geben mir die wilden Locken eine sexy Jesus-Aura. Trotzdem nerven mich die langen Haare allmählich, ich glaube, die müssen bald ab. Nur ist die Frisur-Frage von jeher eine äußerst delikate, und unglücklicherweise kenne ich hier in Berlin keinen Friseur, dem ich dahingehend ausreichend vertraute.

Selfie, etwa zwei Monate alt.

Selfie, etwa zwei Monate alt.

Mit Spannung und Interesse hatte ich den Wikileaks-Film erwartet. Angesichts der guten Besetzung — Cumberbatch als Julian Assange, Stanley Tucci, Peter Capaldi, Laura Linney und David Thewlis in prominenten Nebenrollen — war meine Vorfreude auch mehr als berechtigt. Umso größer war die Enttäuschung, als ich diesen verworrenen, spannungsarmen und überambitionierten Krimi dann sah, der sich nur zu offensichtlich das viel zu hohe Ziel gesetzt hatte, der ultimative, endgültige Wikileaks-Film zu sein.
     Eine noch gewichtigere Enttäuschung war der neue Film von Ridley Scott. Günstigste Vorraussetzungen: Einer der weltbesten Kameramänner (Dariusz Wolski), ein kaum erreichter Autor (Cormac McCarthy), ein glänzend aufspielendes Star-Ensemble (Cameron Diaz, Penélope Cruz, Javier Bardem, Michael Fassbender) — und dennoch wurde das Gebräu ungenießbar. Ich fragte mich hinterher, wieso der Name Scott eigentlich immer noch so zieht? Sein letzter guter Film, »Thelma & Louise« (1991), liegt ein Vierteljahrhundert zurück.
     Das »Carrie«-Remake (Regie: Kimberly Peirce) dagegen war ein wirklich guter Film, bei dem inhaltlich wie formal alles stimmte — und trotzdem war er unnötig.
     Wie Ihr seht, sind meine DVD-Abende im Augenblick mit den (halbwegs) aktuellen Filmen nicht allzu berauschend. Da durchwühle ich die kommenden Tage doch lieber einmal mehr meine Schränke nach vergessenen Klassikern wie Woman on the Run oder so. Oder widme mich mal wieder einem Hörbuch; »Belladonna« von Karin Slaughter gefiel mir seinerzeit enorm, dann natürlich Arne Dahl, McFadyen und Grangé. Ein Leckerbissen war, ist und bleibt das nahezu filmische Hörspiel von Schätzings »Der Schwarm«. Damit kann man schon mal ein paar einsame Abende verbringen, sind ja über 700 Minuten.
     Musikalisch befinde ich mich seit einer Woche bereits in einer glühend-warmen Vergangenheit. Von Nirvana und Patti Smith über David Bisbal, Stan Getz (der »Mickey One«-Soundtrack) und Banco de Gaias »Igizeh« — ein Jahrhundertalbum! — bis hin zu »50 Words for Snow« von Kate Bush. Kurz war ich davor, ein paar alte Sachen von Tori Amos aus der Mottenkiste zu kramen; ihr neuer Song gefällt mir ganz gut. Es war das erste Mal seit 2008, dass ich nicht erschrocken zusammenzuckte, als ich ihre Stimme hörte. Manche Enttäuschungen sitzen wirklich tief, das ist mit Musikern, Künstlern, Filmemachern nicht anders als mit Liebhabern, Freunden, Verwandten. Kaum eine Musikerin hatte ich derartig verehrt, ihre Songs begleiteten mich 15, 16, 17 Jahre — genau weiß ich es nicht mehr —, dann wurde auch sie ein hohles Plastikpüppchen, und von denen gibt es leider schon viel zu viele. Plastik altert schlecht. Was mich bei ihr wirklich persönlich kränkte, war, dass sie eigentlich — anders als beispielsweise Madonna — jene Musikalität, Begabung, Integrität und Tiefe hat, die es ihr erlaubte, in Würde zu altern. Sie hätte die fiesen Schönheits-OPs ebenso wenig nötig gehabt wie die gefällig-oberflächlich-banalen Platten der letzten Jahre. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird man eben nicht mehr nach seinen Leistungen, sondern nach seinen Entscheidungen beurteilt. Ein alter Spruch, klar, aber ein wahrer.
     Es gäbe eigentlich viel zu schreiben. Bei Facebook lese ich die spannenden Beiträge Jutta Ditfurths und fühle mich, als erhielte ich endlich die politische Bildung, nach der ich zeitlebens gewartet habe. Habe ein paar Arschlöcher aus meiner Freundesliste geworfen, was einerseits legitim ist — man muss sich schließlich nicht mit allem und jedem auseinandersetzen, es ist schließlich kostbare Lebenszeit —, andererseits lässt es mich auch wieder darüber nachdenken, wie sehr sich die Kommunikationsstrukturen seit dem Siegeszug der asozialen Netzwerke doch verändert haben. Wohin geht das? Ich fürchte, in zehn Jahren werden wir eine Gesellschaft sein, die nicht mehr in der Lage ist, 1:1 zu kommunizieren und »echte« Freundschaften außerhalb der virtuellen Welt aufrecht zu erhalten. Das steigende Desinteresse an anderen, die übersteigerte Wichtigkeit des eigenen Herausposaunens von Gedanken und Ideen — niemand interessiert sich noch für Geschichte — nur wenige lesen noch. Das ist beunruhigend. Und dann das Aufbegehren der braunen Massen. Brandstifter wie Sarrazin und Pirinçci schaufeln mit ihren Hassschriften kräftig Wasser auf deren Mühlen. Derart unappetitliche Gedanken sind unterm Strich vermutlich die beste Diät…
     Schönes Wochenende!

André

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12 thoughts on “11. April 2014

  1. Lieber “Ich weiß schon wer”, das mit dem Award ist superlieb, aber … ich mag diese Fragen z. T. einfach nicht beantworten. Ist es dann überhaupt noch sinnvoll? Liebgruß aus dem sonnigen Prenzlauer Berg, André

  2. Das ist schon ok André, hab nur bei dem Award an dich gedacht. Du hättest es verdient 😉 .
    Hab ein schönes Wochenende Süßer. Liebe Grüße Endris

  3. Das ist lieb von Dir, vielen Dank. 🙂
    Dir wünsche ich auch ganz viel Sonne im Herzen.

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