Filmtipp #194: Fessle mich!

Fessle mich!

Originaltitel: Átame!; Regie: Pedro Almodóvar; Drehbuch: Pedro Almodóvar; Kamera: José Luis Alcaine; Musik: Ennio Morricone; Darsteller: Victoria Abril, Antonio Banderas, Loles León, Francisco Rabal, Rossy de Palma. Spanien 1989.

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Er ist 23 Jahre alt, hat 50.000 Peseten und ist ganz allein auf der Welt: Ricky (Banderas), frisch aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen, möchte eine Frau finden und eine Familie gründen. Hierfür hat er Marina (Abril) auserkoren, eine ehemalige Pornodarstellerin auf Heroinentzug, die er bei einem frühren Freigang bereits einmal, nun ja, gevögelt hatte. Mit Hilfe ihrer resoluten Schwester Lola (León) versucht Marina gerade, ihr Leben in geordnete Bahnen zu lenken, indem sie das Genre wechselt und für den geilen, nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselten B-Movie-Regisseur Máximo Espejo (Rabal) in einem Horrorfilm die Hauptrolle spielt. Um Marinas Aufmerksamkeit zu erregen, lässt Ricky all seinen Charme spielen, doch die Aktrice geht auf seine Annäherungsversuche nicht ein und beachtet ihn kaum. (Erst viel später, als sie miteinander schlafen, erkennt sie ihn an seinem Schwanz wieder.) Also verfolgt Ricky sie bis nach Hause, dringt in ihre Wohnung ein, schlägt sie nieder, fesselt sie ans Bett und wartet, dass sie sich in ihn verliebt…

»Mujeres al borde de un ataque de nervios« (1988) hieß Almodóvars erster großer Welthit. Zuvor hatte er bereits einige höchst interessante und innovative Arbeiten mit einigem Erfolg in die spanischen Kinos gebracht, war jedoch außerhalb seines Heimatlandes weitestgehend ein Unbekannter geblieben. Nach »Mujeres…« wurde gespannt auf den nächsten Streich des Filmemachers gewartet. Angesichts der für seine Verhältnisse zurückhaltenden Inszenierung von »Átame!« wurde dann viel Enttäuschung laut — und trotzdem ist der Film eine originelle Liebesgeschichte, in der es von Absurditäten und optischen Gags am Rande nur so wimmelt. Die Darstellerleistungen sind vorzüglich — Penélope Cruz erzählte in späteren Interviews, Victoria Abrils Leistung in diesem Film habe sie dazu bewogen, Schauspielerin zu werden —, und der Kameramann Alcaine (La encadenada, ¿Quién puede matar a un niño?) übertraf sich wieder einmal selbst. 1991 wurde »Átame!« für sage und schreibe 16 Goyas — dem spanischen Equivalent zum Oscar — nominiert, gewann allerdings nicht einen einzigen (!).

Die deutsche Kritik: »Almodóvar scheut sich nicht, eine im Grunde kitschige Story, die sich allerdings unter etwas ungewöhnlichen Umständen abspielt, zu erzählen, wurde jedoch von vielen missverstanden. Am häufigsten wurde der Vorwurf einer ›Macho-Phantasie‹ laut, da Marina sich in ihren Entführer verliebt und in einer Szene des Films zu ihm sagt ›Fessle mich!‹. Dabei geht es Ricky gar nicht darum, Macht auszuüben, sondern er will Marina Zeit geben, ihn besser kennen zu lernen. Obwohl sie ihn bereits liebt, bittet sie ihn in jener Szene um die Stricke, als er das Haus verlässt — sie weiß, dass sie sonst fortlaufen würde.« (Arne Laser, »TV Spielfilm«)

Ganze neun Stunden dauerte es, die berühmte Sexszene in der Mitte des Films zu drehen. Almodóvar entschied sich, die letzten Takes des Tages zu verwenden, weil Victoria Abril und Antonio Banderas zu diesem Zeitpunkt bereits völlig verschwitzt und am Ende ihrer Kräfte waren. Daher das hohe Maß an Authentizität. Der legendäre US-Regisseur Elia Kazan behauptete, dass dies die beste Sexszene gewesen sei, die er jemals in einem Film zu sehen bekam. Neben der umstrittenen Thematik des Films sorgte eben diese lautstarke, von Pornographie jedoch weit entfernte Szene dafür, dass die amerikanische Kontrollbehörde dem Streifen ein X-Rating verpasste, das einen Film vom normalen Verleihgeschäft nahezu ausschießt. Später wurde »Átame!« (US-Titel: »Tie me up! Tie me down!«) dann ohne Rating verliehen, doch der kommerzielle Schaden blieb nicht aus. Hauptdarsteller Antonio Banderas, der seit den frühen 1980ern in praktisch jedem Almodóvar-Film aufgetreten war, siedelte kurz nach Erscheinen des Films in die USA über, um dort eine halsbrecherisch-erfolgreiche Hollywood-Karriere zu starten. Heute, 25 Jahre später, ist er wieder vermehrt im spanischen Kino zu sehen.

André Schneider

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